Es sind kaum vier Wochen, daß ich »Oberon« zum erstenmal sah. Ich rückte damals mein Stundengeld daran, um Therese und mir diesen Genuß zu ermöglichen, und glaubte wahrlich in meinem Leben nichts Schöneres gesehen und gehört zu haben. Damals hatt' ich halt noch keine Polen gesehen. Jetzt – immer wieder suchten meine Augen wider meinen Willen den bald in dieser, bald in jener Loge auftauchenden Grotecki im schlichten Flausüberrock, dem dunklen Schnurrbart und dem herrisch gebietenden Blick.
Nachher war zum Vorteil der Polen großer Ball im Kaufhaussaal, wozu alle Freigesinnten eingeladen waren. Mutter ging mit mir nach Haus. Vater nahm natürlich mit Therese und Hermann am Feste teil. Therese tanzte nur mit Polen. Hermann hatte die Weisung, sich auf Stammbuchblättchen, die ich ihm gegeben, die Namen wenigstens der interessantesten Polen aufschreiben zu lassen und von jedem einen Knopf zu erbitten.
Heute vor Tisch rückte eine Studentenschar durchs Schwabentor. Professor Reichlin, der Vater besuchte, ging mit uns auf den Altan, worauf die Studenten Professor Reichlin, als dem Dichter des Polenliedes, ein stürmisches Hoch brachten, das wir mit einem »Polen hoch!« erwiderten. Schnell wurden die Hüte aufgesetzt, und wir zogen hinter der jungen Männerwelt drein, die singend durch die Stadt marschierte, den polnischen Helden entgegen. Auf dem Marktplatz erfolgte das Zusammentreffen. Man hatte den Wagen die Pferde ausgespannt, die Studierenden zogen die polnischen Helden unter dem Zujauchzen der Volksmenge einher, vier Fahnen mit den polnischen Farben voraus.
Rotteck sprach, Welcker, zuletzt Grotecki. Die Begeisterung war unbeschreiblich.
Was ist es nur, was aus ihm sprüht? Überdenke ich mir die Worte, die er spricht, so kann ich nicht umhin, mir zu sagen – durch sie kann unmöglich dieser Taumel der Begeisterung entstehen, besonders wenn er ein paar unvollkommene deutsche Sätze stammelt. Es ist also die Seele, die uns hinreißt, die große Seele eines großen Unglücklichen.
Die Polen wurden von dem Offizierskorps zu einem Mittagsmahl in die »Stadt Wien« eingeladen. Wir baten Mutter, uns auf einen Kaffee auch dahin zu führen. Professor Reichlin bot sich als Begleiter an. Aber oh weh, alle Stuben waren schon mit Studenten angefüllt, die sangen und stritten und uns viel zu bezecht erschienen, als daß uns ihre Gesellschaft hätte zusagen können. So wollten wir wieder schweren Herzens heimzotteln, als Grotecki unserer ansichtig wurde, herbeieilte und uns, mir nichts, dir nichts, in den Speisesaal führte, wo sich sämtliche Offiziere und Polen uns begrüßend erhoben. Man brachte uns einen kleinen runden Tisch. Mutter bestellte Kaffee. Kaum saßen wir, erschien Amalie von Berg mit Kozlowski und nahm mit einem Lächeln bei uns Platz. Sie ist noch schöner geworden durch die grenzenlose Begeisterung, die ihren dunkelblauen Augen entstrahlt, während ihr feiner Mund, oft merkbar zitternd, die Kämpfe ihres Innern verrät. Um den Mann ihrer Liebe kämpft sie, von dem die Ihren nichts wissen wollen. Warum denn nicht, um Himmels willen, warum sollten diese beiden so wahrhaft schönen Menschen nicht zusammenkommen? Es ist ja nicht wie bei Therese – Oberleutnant K. hatte sich neben sie gesetzt, und ich mußte mir sagen: Diese müssen sich fügen, die Kraft fehlt ihnen, um über das Herkömmliche Herr zu werden. Aber bei jenen andern, bei Amalie von Berg und Kozlowski, ist Kraft und Leidenschaft genug, um der ganzen Welt entgegenzutreten.
Grotecki sprach. Er ließ die Frauen Badens leben, deren warme Teilnahme Balsam sei für die so schmählich besiegten Polen. »Ce sont nos funérailles et ce sont vos beaux coeurs qui les embellissent«, sagte er, sich gegen die anwesenden Frauen verneigend. Mit brechender Stimme schilderte er das erbarmungswürdige Geschick seiner Landsleute – auch sein eigenes – der Vater nach Sibirien geschleppt, Mutter und Schwestern in ihren Schlössern verbrannt oder herausgeschleppt – mißhandelt, niedergetreten. – Der Ton seiner Stimme war so ergreifend, daß selbst die Offiziere in Tränen schwammen, und sie und die Polen umarmten einander unter dem Rufe: »Polen hoch! Deutschland hoch!«
Wie durch einen Schleier sah ich Amalie von Berg aufstehen und das Lied anstimmen:
»Noch ist Polen nicht verloren.« –
Leidenschaftlich brauste der Gesang durch den Speisesaal. Die Studenten aus den Nebenzimmern eilten herbei und sangen mit. Auf der Straße sammelten sich die Leute, alle erregt, unter Tränen singend, immer von neuem: