»Ich auch,« sagte sie, »mir träumte von der weißen Pelerine des Fräuleins von Berg. Etwas abgetragene Kleider kann man mit solch hübschen weißen Pelerinen wieder ganz auffrischen. Hast du gesehen, sie trug am Halse statt einer Krause ein weißseidenes Krawättchen, mit einer Agraffe befestigt. Ich werde Fräulein von Berg um das Muster ihrer Pelerinen bitten. – Du, Nannele, ich schäme mich ein wenig über die laute Art der Hofrätin. Hast du nicht bemerkt, wie Grotecki lächelte? Ich glaube, daß er mokant ist und es sehr spießig bei uns findet.«

Ich wunderte mich über meine eigene Stimme. als ich antwortete: »Ich glaube es auch.«

Aber warum, warum, wenn ich so von ihm denke, kommen meine Gedanken nicht los von ihm? Es gab eine Zeit, da verstand ich die Prinzessin von Ahlden nicht, die Mann und Kinder, Ruh und Ehre hingab für ihre Liebe. In dieser Nacht wurde es mir klar, daß so etwas möglich ist. Ich erkannte das entsetzliche Unglück einer Leidenschaft, und ich sagte mir: Es gibt nur eines: Kampf oder Untergehen. Ich hätte nicht gedacht, daß so etwas mich ankommen könne, – mich. – Ich hielt mich für gefeit, – warum eigentlich? War das nicht Hochmut, und muß ich darum klaftertief in meiner eigenen Achtung sinken? Schande der Geschichte meines Herzens, wenn ich es nicht über mich bringe, jeder ferneren Begegnung mit Grotecki aus dem Wege zu gehen. Was will er von mir? Eine neue Eroberung, weiter nichts. Hermann sagte mir, Grotecki stehe im Rufe eines Don Juan …

Ich konnte nicht umhin, Caton eine lebhafte Beschreibung zu machen von unserer herrlichen Polenzeit und der tiefen Teilnahme, die Freiburg an Polens schwerem Schicksal nimmt. Ich legte einige Blätter der »Freisinnigen« bei, in der Rotteck, Welcker und Grotecki fulminante Artikel in die Welt sandten über Polens Unglück, seinen Edelmut und seine Freiheitsliebe.

Zu meinem Erstaunen schrieb mir Petersen statt Catons, es sei offenbar sehr notwendig, meine hohen Ideen von den Polen etwas herunterzustimmen, deren Edelmut in Norddeutschland weniger Eindruck mache, da man hier wisse, daß die Polen in Paris mit einem Haufen Franzosen gegen Philipp rebelliert hätten. Das weibliche Politisieren habe übrigens keinen Sinn, da die notwendige geschichtliche Grundlage fehle und nur subjektive Empfindungen aus dem Politisieren der Frauen redeten.

Ich anerkannte und dankte Petersen für seine gute Absicht, mich bessern zu wollen, entschuldigte mich aber nicht, sondern erklärte, ich könne teilnehmendes Aussprechen unserer Gefühle, treffe es den einzelnen oder das Allgemeine, nicht politisieren nennen. Bezüglich der Rebellion gegen Philipp führte ich an, daß das, was zwei oder auch zwanzig Polen verschuldet, nicht dem ganzen Polenvolke könne angerechnet werden. Alsdann packte mich, wie so oft, der Humor zur Unzeit, indem ich von diesem ernsten Thema einen Sprung in den plattesten, weiblich romantischen Stil machte, so auf Petersens Mahnung eingehend, daß wir Frauenzimmer das Barometer der Politik doch lieber unberührt lassen und uns nicht männliche Interessen anzueignen hätten.

Ich schrieb also ungefähr: »Im übrigen freue ich mich über das schöne Wetter, weil man spazierengehen kann und die Natur bewundern, die grünen Bäume, das bunte Obst und die flatternden Vögelein und murmelnden Quellen. Aber auch das Regenwetter hat sein Gutes, weil Äuglein und Füßlein dann ruhig bleiben müssen, damit die Nadel flinker geht, um Kleider, Wäsche und Strümpfe in gehöriger Ordnung zu halten. Sonst weiß ich jetzt nichts mehr, als daß der süperbe Sommer leider auch einmal zur Neige geht, worüber ich sehr traurig bin, denn wie sehr die Partien oft auch fatiguiren, so sind sie doch noch amüsierender als die langen Winterabende beim Unschlittlicht usw. usw.«

Mein sonst so großdenkender, edler Schwager faßte meinen Spott nicht humoristisch auf, so wie es gemeint war. Er glaubte, ich mache mich über ihn lustig, während ich ihm nur zeigen wollte, wie ein Frauenzimmer ohne höhere Interessen sich ausdrücken möchte.

Ach, wäre man nur nachsichtiger, so brauchte man gar nicht so vorsichtig zu sein!

Petersen, mich so falsch beurteilend, wählte ein zu starkes Mittel zu meiner Besserung – nicht an mich selbst, sondern gleichsam anklagend, wandte er sich an die Eltern, sie möchten die übermütige Amazone an die ihr zuerst zukommende Tugend der Bescheidenheit verweisen.