Es ist im Hause von Amalie von Berg, der Madame Kozlowska. Ich staune die beiden herrlichen Menschen wie höhere Sterbliche an.

Die Frage kommt mir wohl zuweilen: Warum haben die einen alles und die andern nichts? Hätte sie nicht genug an Schönheit und Liebe? Aber auch die Kunst ist ihr Eigentum. Bilder, die ich nicht genug anstaunen kann, zieren die Wände ihres Gemaches, in dem sie, eine vollendete Weltdame, ihre Gäste empfängt und bewirtet. Sehr oft trägt sie das polnische Nationalkostüm und hat sich selbst konterfeit in der pelzverbrämten Tschapka, ein Bild, das alle Herzen in Brand stecken könnte, wenn sie nicht einzig und allein nach der Liebe ihres Kozlowski verlangte. Und er, dieser königliche Mann, hält er in uns nicht das Andenken aufrecht an das ritterliche, dem Schönheitssinn so wohlgefällige Benehmen der edlen Polenjünglinge? Wie hätte doch der Umgang mit diesen eine Bildungsschule werden können für einen großen Teil unserer jungen Männer, die man leider so oft eines ungehobelten Benehmens zeihen muß, wenn auch nicht selten ihr Wissen ein erfreuliches ist. Ich spreche von unserer Jugend, nicht von der älteren Generation mit ihren etwas altväterlichen, so rührend chevaleresken Manieren. Vor allen dem edlen, feingesinnten Rotteck, der mir vorbildlich bleiben wird, so lang ich lebe.

Ich sehe es für ein ganz besonderes Glück an, ihn und Welcker an Kozlowskis Empfangstag zu treffen. Die beiden Herren sind immer gleich frisch und voll der Pläne. Eine gemeinsame Arbeit, die Herausgabe des »Staats-Lexikons«, beschäftigt sie bis hinein in die Geselligkeit, und ich kann gar nicht nahe genug bei ihnen sitzen, um ihren oft ungeheuer sarkastischen Reden und Gegenreden zu lauschen. Wenn ich die Regierung wär', wahrlich, diese Köpfe hätte ich mir für den Staat erhalten. Aber wie Schiller sagt:

»Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen« –

Amalie Kozlowska hat mir den Vorschlag gemacht, bei ihr zu malen; es würde ihr Freude machen, ihre Erfahrung meinen Arbeiten angedeihen zu lassen.

Oh, ich verstehe, sie allein ahnt wohl, was sonst außer Zarembecki niemand geahnt. Nun will sie wohl, so glücklich jetzt, ein wenig von dem Zuviel, das ihr zuteil geworden, an eine weniger Glückliche abgeben.

Ich dankte ihr.


3. Januar 1835. So wäre es nun entschieden. Im April nehme ich einen einjährigen Aufenthalt in Nancy bei den Eltern de Bers. Es soll mir dort jede Möglichkeit gewährt werden, mich im Französischen zu vervollkommnen. Seine Stiefgeschwister, ein Mädchen von vierzehn und ein Knabe von dreizehn Jahren, sind meiner Erziehung anvertraut.

Mir ist seltsam befreit zumute, da ich nun weiß, der Stein ist ins Rollen gekommen. Ja, ich bin heiter und versuche, den Meinen, deren Herz schon jetzt ob des Abschieds blutet, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wir sind eifrig mit meiner Aussteuer beschäftigt, Therese und ich. Die gute Mutter will mir alle Wäsche neu mitgeben, damit mich in der Fremde keine Flickerei belästige und an meiner Aufgabe hindere. Also wird drauflosgeschneidert, -genäht und -gestickt, und ein Ballen schönster Hausmacherleinen muß dran glauben. Großes Kopfzerbrechen verursachen die Kleider. Das gute Blaue, meint Mutter, könne für die Werktage dienen, für den Sonntag riet sie zu einem schwarzen. Dafür reichte mein Stundengeld prächtig aus. Für etwaige Gesellschaften bot mir Therese eines ihrer weißen Mullkleider an, das sie mir mit schwarzen Samtschleifen gar hübsch ausgarnierte. Hut und Mantel lassen vielleicht zu wünschen übrig, aber das macht nichts. Mutter beglückte mich mit ihrem seidenen Schal für die kühlen Sommerabende, und ein Peterle für gewöhnlich machte mir Therese aus einem alten Mantel zurecht. Immer wieder brachten sie etwas aus ihren Schränken herbei, das ich haben sollte, und ich mußte mich ernstlich wehren, daß sie sich nicht völlig beraubten. Wie weh mir innerlich ist, soll den Lieben erspart bleiben. Will's durchbrechen im Herzen, mache ich einen Weg durch unsre lieben Gäßle, schau alles mit ganz neuen Augen an, möchte weinen vor Schmerz, von all dem Gewohnten zu scheiden, wenn nicht ein Gefühl brennender Neugier, die Frage: Zukunft, was wirst du mir bringen? mich auch wieder beglückte.