Besonders schwer wird mir der Abschied von Lenchen werden, denn nächst den Meinen wird sie mich am meisten vermissen.

Hermann hat noch nie so viele Dummheiten gemacht, aber ich weiß, es geschieht, um uns allen über den Gedanken an den Abschied wegzuhelfen. Er hat die Flegeljahre, die nicht immer lieblich waren, glücklich überstanden, und ich bin stolz auf unsern bildhübschen Akademiker, den die jungen Mädchen im Kasino den Lord nennen, weil er wirklich ein ausgezeichnetes Benehmen hat. Ich hab's ihm auch nicht wenig eingeschustert.


2. März 1835. Große Ereignisse bringen uns über unsre eigene Persönlichkeit weg. Denn ist es nicht ein großes, unbegreifliches Ereignis, wenn ein schönes, uns unerreichbares Glück plötzlich jäh vor unsern Augen zusammenbricht? Unerforschlicher Gott! Auch mit zuckendem Herzen, verständnislos müssen wir das Haupt beugen. Amalie von Berg – Amalie Kozlowska ist nicht mehr.


Es hat mich hineingetrieben in ihr schönes, von ihr so geliebtes Heim. Es war still am Haus. Ich ging die Treppe hinauf. Es traf mich ein Lichtschein, dem ich beklommenen Herzens entgegenging. War es nicht unbescheiden, dieses Eindringen, konnte nicht jeden Augenblick jemand kommen und mich aus dem Hause weisen? Aber der Augenblick auf der Schwelle ihres Totenzimmers war mir wie ein Geschenk, das mir eine heilige Erinnerung fürs ganze Leben bleiben soll.

Da lag die Schönheit im Sarge, von einem Schleier umhüllt, der nur die obere Hälfte ihres Gesichtes frei ließ. Wie aus Marmor war diese klare Stirn gemeißelt, das geschlossene Augenpaar, die feinen Linien der Wangen. In ihrem Arm unter dem Schleier lag ein kleines Köpfchen an ihrer Brust, so klein und zart, daß man's kaum entdeckte.

Über dem Sarg an der Wand – ich mußte mein Herz mit beiden Händen halten – denn ach, da hing das lebensfrohe, strahlende Bild Amaliens – ihr Selbstporträt in der Tschapka.

Ein leises Stöhnen brachte mich zu mir selber. Das dunkle Etwas auf dem weißen Totenkleid waren Kozlowskis Hände. Zur andern Seite des Sarges kniete er, ein völlig gebrochener Mann, bleich wie die Tote selber – die Augen geschlossen.