Noch eine gute Stunde bis zur Abfahrt der Post. Wie höchst interessant ist doch das Reisen! Möchten Sie doch, meine ungemein lieben Eltern, sich keinen Augenblick um Ihr Nannele sorgen, denn wenn mir auch das Heimweh nicht geschenkt ist, so bin ich von der Vielseitigkeit meiner Erlebnisse doch so in Anspruch genommen, daß ich weit davon entfernt bin, die Flügel hängen zu lassen.

Also ich wandelte höchst einsam durch die sonntagsstille Hauptstraße der Stadt Offenburg, mich bemühend, Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Der helle Klang einer Glocke lockte mich in eine schmale Seitengasse, so daß ich plötzlich am Ende derselben vor einem klosterähnlichen Gebäude mit einer Kirche stand. Eine Frau, die mit ihrem Gebetbuch des Wegs kam, sagte mir, das alte ehemalige Franziskanerkloster sei jetzt das Mädcheninstitut der congrégation Notre-Dame. Soeben fange die heilige Messe an.

Ich schritt durch das uralte Eingangsportal in die halbdunkle Kirche und nahm meinen Platz vor dem Altargemälde der Himmelfahrt Marias. Ein paar Stufen führen zum Chor, das hell und licht erglänzte durch die vielen Kerzen am Altar, wo die heilige Messe zelebriert wurde.

In den Bänken knieten die Schülerinnen, rechts und links in den Chorstühlen die Klosterfrauen. Ein rührendes Bild für mich, die ich einst so gern mich der Schar der Gottgeweihten einverleibt hätte! Nun führt mich der Weg hinaus in die Fremde, wo ich es nicht so gut haben werde wie diese von der Welt abgeschlossenen Frauen, die sich, aller Sorgen ledig, der Erziehung ihrer Zöglinge hingeben können.

Denken Sie nicht, liebe Eltern, daß diese Betrachtung etwa aus einem ängstlichen Herzen kommt. Im Gegenteil! Als ich unter dem Gesang der Klosterkinder in den hellen Tag hinausschritt, war ich äußerst begierig auf das neue Stück Welt, das sich vor mir auftun sollte.


Straßburg.

Groß war die Freude der Marquisin, als wir elsässischen Boden unter den Füßen hatten. Es stieg gleich ein Bauer ein, ein alter Mann, der einen fürchterlichen Knaster rauchte. Das hätte sich einer jenseits der Grenze erlauben sollen!

Sofort redete sie den Elsässer mit einem Schwall von Liebenswürdigkeiten an, dabei mit beiden Händen gestikulierend, vor Glück, endlich einen compatriote anzutreffen.