Es gibt Stunden, Caton, da zanke ich mich ernstlich, denn ich habe es ja doch sehr gut, besonders da mein Leiden, seit wir auf dem Lande sind, mich kaum mehr in der Nacht belästigt. Also was will ich denn? Was können die Kinder dafür, daß ich mir in meinem Eifer lauter Idealkinder vorgestellt habe, die mich unendlich lieb hätten und die ich zu wahren Vollkommenheiten heranbilde. Ojele, Nannele, ich muß froh sein, wenn wir's nur einigermaßen miteinander aushalten, und ich bin für jedes Lächeln dankbar, das gelegentlich in dem gleichgültigen Gesichtchen der kleinen Marie auftaucht. Sie ist wenigstens gehorsam – freilich aus keinem anderen Grund, als weil sie zu faul ist, irgend etwas zu wollen. Mit Paul dagegen lebe ich in einem unausgesetzten heißen Kampf um meine Übermacht, in dem ich nur dann siege, wenn ich den querköpfigen Bengel wie einen Erwachsenen behandle, Monsieur zu ihm sage und mich unbeschreiblich wundere, wenn er sich wie ein ungezogenes Kind beträgt. Da bekommt er plötzlich Rückgrat, macht ein ernsthaftes Gesicht und geruht so von oben herab nachzugeben. Aber ich hab das Bürschle trotzdem gern, denn wir können gelegentlich recht herzlich miteinander lachen, und es ist merkwürdig, wie Lachen verbindet. Bei Marie setzt dieses befreiende Mittel nie ein. Aber sie bekommt allmählich etwas Farbe und Appetit, veranlaßt durch unsern einstündigen Spaziergang vor Tisch. Madame ist die Liebenswürdigkeit selbst, seit Marie gut aussieht. Denn – gut aussehen und sich amüsieren ist die erste Lebensbedingung in diesem Hause. Daß man sich das erstere durch Bewegung in frischer Luft leicht verschaffen kann, wird jedoch nicht eingesehen, sondern man glaubt das Äußerste an Bewegung getan zu haben, wenn man ein wenig im Garten herumtrippelt. Im übrigen wird gefahren.
In letzter Zeit gehe ich mit den Kindern Pilze suchen im nächsten Wäldchen. Solche Wäldchen zerstreuen sich über die ganze Ebene hin. Sonst fruchtbares Land mit Getreide und Weinfeldern. Ferne blaue Hügel begrenzen das Tal. Ach, diese Hügel, Caton! Ich muß mir immer sagen, du hast es ja auch durchmachen müssen und kamst aus unseren Bergen in die Lüneburger Heide. Aber wenn Dir's Herz ein wenig schwer war, dann hattest Du Deinen lieben, klugen, Dich auf den Händen tragenden Mann, für den unser Catonele gern alle Berge der Welt hingeben würde. Wie anders ist das bei mir, die ich im Hause pour une personne très sérieuse gelte, weil ich darauf bestehe, die Lehrstunden einzuhalten, und Madame ernste Vorstellungen mache, wenn sie mir bei jeder Gelegenheit den Unterricht unterbricht mit dem Vorschlag zu irgendeinem Vergnügen.
Daß mich dieses Streng-vernünftig-und-alt-sein-Müssen nicht leicht ankommt, kannst Du Dir denken, Schwesterle. Ich versichere Dir, nach nichts auf der ganzen weiten Welt sehne ich mich so sehr als nach Mutters tadelndem »Du Närrle«. –
27. Juli. Solltest Du glauben, liebe Schwester, als ich gestern morgen ins Lesezimmer trat, fand ich da eine ganze Versammlung zu meinem Namenstag vor. Madame, Grand'maman, de Ber und seine Frau, die Kinder, alle brachten Rosen, sagten mir die liebenswürdigsten Dinge und führten mich zu den Geschenken, die für mich ausgebreitet lagen. Ein seidenes Kleid, weißseidene Fil-d'écosse-Handschuhe, weißseidene Strümpfe, die feinsten Schuhe und ein unsagbar entzückendes Ridikül. Ich verlor die ganze Tapferkeit meines Wesens und brach in Tränen aus. Da lachten sie alle; de Ber war plötzlich wieder wie in Freiburg, stellte sich vor mich hin und hielt eine deutsche Rede, die ich zwar nicht recht verstand, aber doch die eine Stelle: »Es ist die deutsch Natur, wo Franzose lacht, heult die Deutsch« – was mich so ergötzte, daß ich meinen Dank mit dem lachendsten Gesicht abzustatten vermochte.
Auch die Kinder suchten mich zu erfreuen. Marie durch ein Lächeln, Paul versprach: »Heute werfe ich beim Fahren nicht um.«
Er fährt uns nämlich alle Tage mit seinem Pony spazieren, und da er das Tierchen unvernüftig behandelt, wirft er regelmäßig ein- oder zweimal während der Fahrt um. Glücklicherweise ist der kleine zweisitzige Wagen sehr niedrig, so daß das Herauskollern nichts weiter auf sich hat.
Es war mir eine wirkliche Namenstagsfreude, daß das Fahren an diesem Tag in der Tat glatt vonstatten ging, indem Paul meine, wie ich glaubte, in den Wind gesprochenen Mahnungen befolgte und das Tierchen mit Rücksicht behandelte. So tat es seine Pflicht, und ich ließ mir von Paul das Versprechen geben, bei seiner jetzigen Behandlung zu bleiben. Der erste, einzige Fortschritt, den ich bei ihm zu verzeichnen habe.
Die Abende sind so schön jetzt. Nach den heißen Tagen streicht ein frisches Lüftle über die weite, mondbeschienene Ebene. Aber man sitzt drinnen in Grand'mamans kleinem Salon, bei geschlossenem Fenster, ganz wie in der Stadt, und Grand'maman erzählt wie dort von irgendeinem wunderschönen Mann und dessen Verwandtschaft bis ins dritte und vierte Glied.