Eines Abends aber nahm Villingers Nannele plötzlich ihre ganze Wohlerzogenheit beim Schopf, verneigte sich und ging. Und als ich merkte, daß der Fall nicht das leiseste Aufsehen erregte, schalt ich mich ein kreuzdummes Ding, und bin nun jeden Abend draußen. Es ist ein Aufatmen, ein Hingeben an die Phantasie, ein Schwimmen in Heimweh, ungeniertem Weinen und auch wieder kräftigem Ausschreiten im abendlichen Wind. Ein Alleinsein endlich, nachdem ich den lieben langen Tag die kleine stumpfe Marie nicht von der Seite lassen durfte.
Lache nicht, ich habe sogar ein Kamerädle gefunden im nächtlich einsamen Garten – freilich nur ein vierbeiniges – es ist die schöne weiße Angorakatze, Courtes-bottes genannt. Sobald sie meine Schritte hört, kommt sie aus dem Gärtnerhaus und geht mit mir spazieren. Manchmal laufen wir wie verrückt zwischen den Beeten dahin, wie zwei Kinder, die »Fangis« spielen. Zuweilen unterhalten wir uns miteinander.
»Gelt, du bist auch so ein Einsames wie ich, Courtes-bottes?«
»Miau.«
»Nicht nur der Mensch, auch ein Tierle braucht ein wenig Güte und Liebe und Zärtlichkeit – gelt, Courtes-bottes?«
»Miau.«
O Caton, wie bin ich so glücklich, daß ich Dir anvertrauen darf: Ich hab Heimweh, Heimweh, Heimweh. –
4. August. Also, liebe Caton, ich trage das schönste Kleid zum Diner, so oft wir Gesellschaft haben, und all die Menschen, die mich früher nicht bemerkten, machen plötzlich ein Wesens von mir, und ich bekam so viel Schmeichelhaftes zu hören, daß es eine Lüge wäre, wollte ich sagen, ich bliebe unempfindlich. Im Gegenteil, es freute mich, wenn man mir sagte, daß mein Äußeres apart und vornehm sei und mein verpöntes rotes Haar mich wie eine goldene Krone kleide. Grand'maman klopfte mir auf die Schulter: »Tiens, tiens, sie wird uns gefährlich werden.« Worauf de Ber mit einer gewissen Geringschätzung erklärte: »Sie ist zu deutsch, Grand'maman.« – »Ich danke Ihnen für dieses schöne Kompliment«, sagte ich zu meinem früheren Schüler.