1. September. Liebe Schwester! Hast Du gewußt, daß Mutter krank war? Daher, o gewiß daher meine große Unruhe all die Zeit. Ich wußte mir gar nicht zu helfen und hatte so große Not, meinen Pflichten nachzukommen mit dieser Angst im Herzen, die ich nicht zu deuten wußte. – Da kommt heute ein Brief der Mutter. Ach, ich bin so froh. Ich geb ihn nicht aus der Hand, werde ihn Dir abschreiben. Ihre Schrift ist noch sehr wackelig. O du Mutterschrift, du liebe, ich muß sie küssen und weinen. De Ber würde wieder sagen: »Es ist die deutsche Natur, die heult, wenn der Franzose lacht.« Ja, ich bin zu deutsch oder zu bürgerlich oder Gott weiß was. Und wenn sie mich mit Geschenken überschütten, und wenn, und wenn –. Schau, Caton, man muß von seiner Seele geben können, ich glaube, dann hält man alles aus. Und weißt Du, es hat bei uns jeder seine eigene Sprache, so wie er ist, daß man ihn gleich kennt, aber es kommt mir vor, als hätten die Franzosen nur eine Sprache, die so schön und vollendet ist wie ihre Mode, bei der man auch nie weiß, was dahintersteckt.
Lebwohl und gell, gräm' Dich nicht um mich, Du weißt, wie schnell ich unten und wie schnell ich wieder oben bin. Du mußt's machen wie der Beichtvater. Er grämt sich auch nicht und gibt die Absolution. Schnell noch Mutters Brief:
Liebs, herzigs Nannele!
Höchst erfreulich war mir Dein lieber letzter Brief, der mich im Bett traf. Wir hatten alle die Grippe, und müssen wir Gott danken, daß Vater wieder vollkommen gesund ist und sich recht kräftig erholt hat. Bei mir hat sie fast Krach gemacht und gab mir zu verstehen, meine Lebensweise mit aller Vorsicht einzurichten. Therese nimmt sich viel Recht über mich, um mich ganz aus der Küche zu bannen. Doch muß auch ich sorgen, daß dieses gute Kind nicht mehr auf sich nimmt, als ihre Kräfte erlauben. Mit Vater ist nun harter Kampf, indem wir darauf bestehen, er komme um seine Pension ein, um doch noch einige Jährle den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Es soll noch so lang hingezogen werden, bis Hermann sein Examen über- und gut bestanden hat. Es sind dann die Ausgaben nicht mehr so groß, die Kostgänger werden an die Luft gesetzt, und wir nehmen eine kleinere Wohnung. Aber es muß wohl so sein, die Sorgen hören nicht auf, so lange man lebt. Hermanns warmes Blut macht ihm das Sitzen und strenge Studieren nicht leicht, und ich hab ihn viel zu verteidigen, da Vater die Strapazen der Warmblütigkeit nicht kennt, die mir mein ganzes Leben zu schaffen gemacht. Caton hat die richtige Dosis abbekommen, während ich um Dein warmes Geblüt und Herzle eine Hauptsorge in mir trage. So war Deine Nachricht über die Besserung des körperlichen Ungemachs eine nicht zu beschreibende Freude für mich, für die ich Gott alle Tage inständig danke.
Samt den Deinen läßt Dich auch die Hofrätin grüßen, die jetzt leider arg schwerhörig geworden und so verkehrte Antworten gibt, daß mein Nannele vor Lachen gar nicht mehr unter dem Tisch hervorkäme, denn ich selber kann mir oft nicht helfen, so traurig es ist, wenn ich ihr zum Beispiel sage: »Heut haben wir Holz kriegt,« und sie nickt und sagt: »'s best Frühstück.«
In dem Augenblick ist Herbst hier, unsäglich viele Trauben, aber immer schlechte Witterung, keinen Sommer, den Wein zu veredeln. Alle Getreide stehen in leidlichem Wert, nur das Fleisch ist teuer. Sage sechs Kreuzer das Pfund Kalbfleisch!
Von Vater, Schwester und Bruder die herzlichsten Grüße, und nicht mehr für heute als eine Umarmung im Geiste von
Deiner Mutter Villinger.
St…, 6. Dezember 1837,