Liebe Schwester!

Du hast Dich über den Bericht über meinen hiesigen Aufenthalt mehr als nötig beunruhigt. Das tut mir von Herzen leid, um so mehr, als ich wohl in meiner jetzigen Stimmung zu schwarz sehe, indem ich leider noch nicht fähig bin, Menschen und Dinge im Lichte des Humors zu betrachten. O Caton, immer von neuem danke ich dem Himmel, daß ich in Nancy meiner heißen Sehnsucht nach der Heimat nachgegeben und mich durch alles Bitten und Beschwören nicht habe zurückhalten lassen. Es war wie ein Fingerzeig von oben, daß ich mit aller Sicherheit wußte – heim, nur heim. So habe ich doch in meiner tiefen Trauer den stillen Trost, daß ich Mutter pflegen und erheitern durfte und ganz kurz vor ihrem Ende noch einmal das liebe »Närrle« hörte, weil meine Augen wohl gar so ängstlich auf ihrem teuern Antlitz ruhten.

Daß ich dann noch Vater und Therese bei der Auflösung des großen Haushaltes beistehen konnte und sie nun in der schöneren Hälfte unsrer Wohnung untergebracht weiß, mitsamt der getreuen Dortel, ist mir viel wert.

Ach, ich kann mich auch noch heut nicht in den Gedanken finden, daß unsre Mutter nicht mehr unter uns weilt, und so bin ich auch mit meinem Innern eigentlich gar nicht da, wo ich sein sollte, und darum wohl auch nicht so recht fähig zu wirken.

So viel weiß ich aber doch, daß meines Bleibens in diesem Hause nicht von Dauer ist, ja, ich habe vor, womöglich schon im Frühjahr meine Stelle zu wechseln, und würde dann, Deiner liebevollen Vorwürfe eingedenk, auch meinerseits einige Bedingungen stellen. Ich bin ja nun auch kein Neuling mehr und wundere mich oft selber über mein selbständiges Auftreten, wenn es gilt, auf meinem berechtigten Willen zu beharren. Mit den Kindern wollte ich ja immer und überall fertig werden, aber die Eltern! Man hat ja keine Ahnung, wie es um diese in der Welt steht, wenn man aus einem Haus kommt wie das unsrige. Ob es noch so eine Mutter gibt – die Hände wollte ich ihr unter die Füße legen. O Gott, ich weiß nicht, was ich ihr alles zuliebe täte, fände ich eine solche Frau. –

Du sagst, liebe Caton, Nancy bleibt mir ja immer offen, sollte ich sonst nichts Passendes finden. Es rührt mich ja auch geradezu, wie anhänglich man meiner dort gedenkt, und wie sehr man meine Rückkehr wünscht. Natürlich waren die Verhältnisse dort angenehmer, als ich sie hier gefunden, das Leben leichter und heiterer. Aber, Caton, so wie ich jetzt bin, wäre es mir ein Ding der Unmöglichkeit, mich in jenes oberflächliche, meinem innersten Sinn so wenig entsprechende Dasein zurückzudenken. Im eigenen Land sein ist eben doch etwas andres. Das Heimatbrot schmeckt besser als die feinsten Delikatessen in der Fremde. Mir wenigstens. So einsam, wie ich mich dort gefühlt, fühl ich mich hier nie, wo ich auf Tritt und Schritt die lieben Heimatlaute höre.

Außerdem weißt Du ja, daß ich mir auf der Welt nichts sehnlicher wünsche als die selbständige Stelle einer Schulvorsteherin. Bin ich aber außer Landes, könnte ich bei den Behörden leicht in Vergessenheit geraten oder selbst den richtigen Augenblick verpassen, mich zu melden.


Ich soll Dir von der Stadt, von den Leuten erzählen, mit denen ich lebe. Nun, St. ist kein zweites Paris wie Nancy, aber eine hübsche deutsche Residenz, von Rebhügeln und waldigen Höhen umrahmt. Mit Ausnahme des alten Stadtteils ist die Stadt regelmäßig gebaut, mit zum Teil sehr schönen, breiten Straßen. Das Schloß mit seiner mittelalterlichen, turmfesten Burg und der Schloßplatz sind großartig, ebenso die Anlagen. Von der sehr schönen, bergigen Umgebung habe ich auch schon einiges gesehen.