Wir wohnen in einer der schönen Straßen, in der Bel-Etage. Elf meist große, luftige Räume stehen der Familie zur Verfügung, aber die Gouvernante muß in einem Loch schlafen, dessen schmales Fenster auf einen dunklen, feuchten Hof geht. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen mein Asthma wieder zunimmt, luftbedürftig wie ich bin.
Ich habe natürlich gegen mein Unterkommen aufbegehrt, worauf die Gnädige erstaunt erklärte, von jeher habe die Gouvernante neben den Kindern geschlafen, und dabei müsse es bleiben. Als ich mich nicht zufrieden gab, beruhigte sie mich mit der Versicherung, sie wolle sich die Sache überlegen.
Damals wußte ich noch nicht, was es mit dem Überlegen dieser Frau auf sich hat. Sie überlegt überhaupt nicht, sondern ist ein unerzogenes, grenzenlos egoistisches und in ihrer Art auch wieder liebenswürdiges Kind. Wolltest Du glauben, Caton, die Mädchen nennen ihre Mutter nie anders als »Kleines«, und täglich kann man sie fragen hören: »Was hast du wieder angestellt, Kleines?« Eine allerdings sehr berechtigte Frage, denn es vergeht kein Tag, an dem die Gnädige nicht durch ihre grenzenlose Schlampigkeit den Zorn ihres Mannes erregt. Die Kinder sind dann immer auf ihrer Seite und nennen den Vater einen alten Brummbär.
Ich sehe immer mehr, welch ein Umschwung sich in der Welt vollzog, seitdem man die Eltern duzt. Oder ist es nicht das allein, sind es nicht vielmehr die Eltern, die, ob man ihnen Du oder Sie sagt, in jedem Fall imstande sein müßten, Respekt einzuflößen? Und wenn sie 's nicht können wie diese, urteile, wie es um den Respekt für die Gouvernante steht.
Die Kinder sind begabt, besonders Elli. Sie machen gute Fortschritte im Französischen, zu dem die verschiedenen ein- und ausfliegenden Gouvernanten, meist Französinnen, bisher einigen Grund gelegt. Das Deutsche hat in den Augen der Gnädigen, also auch in denen der Kinder, keinen Wert.
Einmal, als die Mutter die Mädchen wieder von der deutschen Stunde erlösen wollte, sagte ich zu Elli, die vergnügt ihr Buch zuklappte: »Gut, lassen wir die Stunde, aber du wirst trotz allem Französisch niemals in der Welt für einen gebildeten Menschen gelten, wenn du nicht imstande sein wirst, einen fehlerlosen Brief zu schreiben.«
Die Gnädige ist es nämlich nicht. Ist ihr dieser Mangel schon empfindlich gewesen? Es scheint doch, denn die Kinder werden nicht mehr aus der deutschen Stunde geholt.
Noch von einer Szene will ich Dir erzählen. Der Herr kam in großem Zorn ins Speisezimmer gestürzt, man saß schon bei Tisch, und warf seiner Frau eine Schlafhaube ins Gesicht.
»Statt Taschentücher legt man mir dieses Zeug in die Schublade, und ich blamiere mich vor der ganzen Sitzung, als das Gebändel zum Vorschein kommt. Schämst du dich nicht? Ob du dich nicht schämst?« schrie er sie an.
Sie bog sich vor Lachen: »Das ist ja köstlich – nein, denkt euch, Kinder, er zieht eine Schlafhaube aus der Tasche.« –