Die Baronin fragte mich, wie lange es her sei, daß ich Mutter verloren. Ich sagte ihr, daß es zwei und ein halbes Jahr sei, und ich weiß nicht, wie's kam, ich fing an, von Mutter zu reden. Wie lange habe ich das ersehnt, einmal von zu Hause reden zu dürfen, von unserm schönen Leben – unserer Heimat – o Caton, gibt es eine schönere – von der Herzlichkeit zwischen Eltern und Kindern – wie wir arbeiteten und doch wieder Zeit hatten zu allen möglichen herzerquickenden Zerstreuungen – von unserm Verkehr mit den Professoren der Universität – und wie eben immer und überall die Mutter den Mittelpunkt bildete, und nicht nur die Eigenen, auch alle, die ins Haus kamen, an diesem warmen, menschenfreundlichen Herzen eine Heimat fanden.
Da fiel mir ein – hast du nicht zu viel gesprochen? Der Pfarrer und der Lehrer schauten mich wohl alle gütig und voll Verständnis an, aber die Baronin – bei ihrem Anblick erfaßte mich plötzlich ein Gefühl der Beschämung.
Daß ich doch immer noch nicht hinlänglich genug Lebensweisheit besitze und gleich bereit bin, mich durch ein freundliches Wort, einen freundlichen Blick zu allzu großem Vertrauen hinreißen zu lassen.
In diesem Augenblick ging die Tür auf, und ein großgewachsener, gebietend blickender Herr trat über die Schwelle. Er wurde vom Baron mit dem Ausruf: »Was, Graf, Sie sind wieder hier?« begrüßt.
Dem Grafen war ein ungemein langer und schmaler Jüngling gefolgt, dem Arme und Beine wie lose am Körper zu hängen schienen, so daß ich Mühe hatte, nicht zu lachen, als Clothilde ausrief: »Da kommt der Hampelmann!«
Es wurde nun ganz anders. Der Graf vertiefte sich, ohne von der übrigen Tischgesellschaft Notiz zu nehmen, mit dem Baron und der Baronin in ein Gespräch über Pferde. Der Pfarrer und der Schullehrer verabschiedeten sich unter linkischen Verbeugungen. Ich selbst kam mir nicht weniger überflüssig vor. Sonderbar – wehe uns Bürgerlichen, wenn es uns am richtigen Benehmen den Adligen gegenüber gebricht. Aber wissen diese sich uns gegenüber immer richtig zu benehmen?
Später.
Du siehst, liebe Caton, es fehlt mir nicht an Zeit zum Schreiben. Ich habe hier nicht, wie in meiner letzten Stelle, mich neben der Erziehung der Kinder um einen unordentlichen Haushalt zu kümmern, und bin nicht, wie in Nancy auf Schritt und Tritt an meinen Zögling gekettet. Clothilde eilt nach ihren Lehrstunden mit ihren vierfüßigen Freunden in den Park oder reitet mit den Eltern aus. Sie setzen dann nacheinander mit ihren herrlichen Pferden über das Parktor weg, das laut kläffende Hundevolk hinterher. Ein ganz herrlicher Anblick.