Die Fahrt ging weiter, und ich suchte Rudi mit der Versicherung zu beruhigen, daß Barfußgehen ein Vergnügen für die Kinder sei.

»Wir wollen sie fragen«, sagte er etwas ungläubig.

Das geschah sofort, als wir vor einem Dorfwirtshaus ausstiegen. Kinder umstanden den Wagen, und Rudi ging auf das erste beste kleine Mädchen zu.

»I bitt, gehst du gern barfuß?« fragte er, dabei artig das Hütchen ziehend.

Über und über rot, nickte die Kleine lebhaft mit dem Kopf, auch die andern Kinder nickten lachend.

Da kam er selig auf mich zugelaufen: »Sie gehen gern barfuß.«

Das ganze Haus lief zusammen, um die Herrschaft zu begrüßen, und da war niemand bis zur zahnlückigen Köchin, dem nicht ein liebenswürdiges Wort zuteil geworden wäre.

Der Pfarrer kam, der Lehrer und seine Familie; in kurzer Zeit war die ganze Wirtsstube voll Menschen, die alle zum Kaffee eingeladen wurden.

Ein sonderbarer Umstand drang mir eine schmerzliche Erinnerung an die selige Mutter auf. Der Wirtin, die das blau und rot gewürfelte Tuch über den langen Tisch ausbreitete, strahlte ein so herzliches Wohlwollen aus den braunen Augen, daß ich für einen kurzen Augenblick die Mutter vor mir zu sehen glaubte. Ich konnte mich nicht bemeistern und zog mich deshalb von der fröhlichen Gesellschaft unbemerkt in eine Fensternische zurück, wo ich weinen mußte. Ein lautes Aufschluchzen brachte mich in die Gegenwart zurück. Rudi hielt mich umfaßt. »Sie weint,« schrie er, »sie weint, kommt schnell, schnell und helft, daß sie nicht mehr weint.« –

Der Baron und die Baronin waren sofort an meiner Seite und fragten mich, was mir fehle. Ich gestand ihnen, um nicht mißdeutet zu werden, was mich betrübte; sie nahmen den herzlichsten Anteil, führten mich zum Tisch zurück, und ich gab mir alle Mühe, mein unstatthaftes Benehmen durch besondere Heiterkeit vergessen zu machen.