HERMYNIA ZUR MÜHLEN

DER TEMPEL

ROMAN

V  ·  I  ·  V  ·  A

VEREINIGUNG INTERNATIONALER VERLAGSANSTALTEN G. m. b. H.
BERLIN SW. 61 – LEIPZIG
1   9   2   2

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

Prolog.

Schwarze Baumstämme ragen trostlos aus dem schmutziggrauen Schnee auf. Von den belebten Straßen klingeln gedämpft die Schlittenschellen herüber. Das Herdfeuer in der Küche der alten Frau Bernstein wirft blasse Lichtarabesken auf die schmierigen Wände, spielt auf dem Glas einer verblaßten Photographie, die einen Mann in Arrestantentracht darstellt, und läßt den Samowar aufblitzen wie Gold. Die großen Scheite knistern geheimnisvoll, der Samowar summt und treibt feine bläuliche Dampfwolken in die Höhe.

Die alte Jüdin sitzt vor dem Herd, neben ihr hockt auf dem Boden ein vierjähriges Knäblein, der kleine Moische. Die knochigen, abgearbeiteten Hände der Großmutter fahren liebkosend über das dichte schwarze Haar, und die müde alte Stimme erzählt, wohl zum hundertsten Mal, des kleinen Jungen Lieblingsgeschichte.