jemand da ist, so hat er sich jedenfalls noch nicht gerührt. Geh hinauf …«
»Ich?« fragte das junge Mädchen entsetzt.
»Fürchtest du dich?«
»Nein, Mama, aber ich habe den Schritt eines Mannes gehört.«
»Wenn ich selbst gehen könnte, würde ich dich nicht gebeten haben, hinaufzugehen, Helene,« versetzte die Mutter in einem Tone kalter Würde. »Wenn dein Vater wiederkäme und mich nicht fände, würde er mich vielleicht suchen. Dich wird er nicht vermissen.«
»Madame,« antwortete Helene, »wenn Sie es mir befehlen, so geh' ich – aber ich werde die Achtung vor meinem Vater verlieren …«
»Wie?« versetzte die Marquise in ironischem Tone. »Doch da du ernsthaft aufnimmst, was nur ein Scherz war, so gebiete ich dir jetzt, geh' hinauf und sieh nach, wer dort oben ist. Hier ist der Schlüssel, meine Tochter. Wenn dir dein Vater Schweigen über das, was in diesem Augenblick bei ihm vorgeht, auferlegt hat, so verbot er dir damit keineswegs, in dieses Zimmer zu gehen. Geh' und wisse, daß sich eine Tochter niemals ein Urteil über ihre Mutter erlauben darf …«
Diese letzten Worte sprach die Marquise mit aller Strenge einer gekränkten Mutter, dann nahm sie den Schlüssel und gab ihn Helene, die sich ohne ein Wort erhob und den Salon verließ.
»Meine Mutter wird freilich seine Verzeihung zu erlangen wissen, aber ich werde meines Vaters Gunst für alle Zeit verscherzt haben. Will sie mich der Liebe berauben, die er für mich hat, will sie mich aus dem Hause jagen?«
Diese Gedanken gärten plötzlich in ihrem Geist, während sie ohne Licht den Korridor entlangschritt, an dessen Ende die Tür des geheimnisvollen Zimmers lag. Als sie dort ankam, waren ihre Begriffe in fast unheilvolle Verwirrung geraten. Die unklaren Ideen hatten mit einem Schlage tausend bisher in ihrem Herzen zurückgehaltenen Gefühlen freien Lauf gegeben. Sie glaubte vielleicht schon nicht mehr an eine glückliche Zukunft und verzweifelte nun in diesem Augenblick vollends an ihrem Leben.