»Meine Schwester,« sagte dieses verzogene Kind, »der Arzt …«

»Alles ist unnütz,« antwortete Helene. »Ach, warum bin ich nicht mit sechzehn Jahren gestorben, als ich mir

das Leben nehmen wollte? Das Glück ist niemals außerhalb der Gesetze zu finden – Moina – du –«

Sie starb – ihr Kopf sank über den des Kindes hernieder, das sie krampfhaft an sich gepreßt hatte.

»Deine Schwester hat dir ohne Zweifel sagen wollen, Moina,« sagte Madame d'Aiglemont, als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt war, wo sie in Tränen zerfloß, »daß ein Mädchen niemals das Glück in einem romantischen Dasein, außerhalb der einmal gültigen und ihr eingeprägten Begriffe, und vor allem nicht fern von der Mutter finden kann.«


6. Kapitel.
Eine schuldige Mutter im Alter.

An einem der ersten Tage des Juni 1848 erging sich eine Dame von etwa fünfzig Jahren, die jedoch noch älter aussah, als es ihrem eigentlichen Alter entsprochen hätte, im Mittagsonnenschein auf einer Allee im Garten eines großen in der Rue Plumet zu Paris gelegenen Hauses. Nachdem sie ein paarmal auf dem leicht gewundenen Pfade hin und her gewandelt war, den sie nicht verließ, um die Fenster eines Zimmers, die ihre ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen schienen, nicht aus den Augen zu verlieren, setzte sie sich auf einen jener halb ländlichen Stühle, die man aus den noch mit der Rinde versehenen Ästen junger Bäume anfertigt. Von diesem Platze aus konnte die Dame durch eines der in die Umfassungsmauern eingefügten Gittertore sowohl die inneren Boulevards,

in deren Mitte der prachtvolle Invalidendom seine goldene Kuppel über die Wipfel unzähliger Ulmen emporreckt – ein herrliches Landschaftsbild – wie auch den weniger großartigen Anblick ihres Gartens genießen, der durch die graue Fassade eines der schönsten Häuser von ganz Faubourg Saint-Germain begrenzt wurde.

Dort war noch alles still, in den Nachbargärten, auf den Boulevards und an der Kirche; denn in diesem vornehmen Viertel beginnt der Tag kaum gegen Mittag. Wenn nicht etwas besonderes vorliegt, wenn nicht gerade mal eine junge Dame ausreiten will oder ein alter Diplomat ein Protokoll aufzunehmen hat, schläft dort um diese Stunde noch alles, Herren und Diener, oder man steht höchstens eben erst auf.