»Nichts fehlt mir,« antwortete Helene mit schwacher Stimme. »Ich hoffte, meinen Vater wiederzusehen. Doch Ihre Trauer verkündet mir –«

Sie beendete den Satz nicht, drückte ihr Kind ans Herz, wie um es zu wärmen, küßte es auf die Stirn und warf ihrer Mutter einen Blick zu, der noch immer, wenn auch gemildert durch Verzeihung, einen Vorwurf ausdrückte. Die Marquise wollte diesen Vorwurf nicht sehen; sie vergaß, daß Helene ein einstmals in der Zeit der Tränen und der Verzweiflung empfangenes Kind war, das

Kind der Pflicht, ein Kind, das die Ursache ihres größten Unglücks, ihrer schwersten Leiden gewesen war; und sie trat sanft auf die ältere Tochter zu, an nichts mehr denkend, als daß sie Helenen zuerst die Wonne der Mutterschaft verdankt hatte. Die Augen der Mutter waren voll von Tränen, und ihre Tochter küssend, rief sie:

»Helene, meine Tochter!«

Helene schwieg. Sie hatte auf den Seufzer ihres Kindes gelauscht.

In diesem Augenblick traten Moina, ihre Kammerfrau Pauline, die Wirtin und ein Arzt ein. Die Marquise hielt die eisige Hand ihrer Tochter in den ihren und sah sie mit aufrichtiger Verzweiflung an. In wildem Grimme über das Unglück – denn die Witwe des Seemanns war einem Schiffbruch entronnen und hatte daraus von ihrer ganzen schönen Familie nichts als ein Kind gerettet – sagte sie in furchtbarem Tone zu ihrer Mutter:

»Dies alles ist Ihr Werk! Wenn Sie mir das gewesen wären, was –«

»Moina, geh' hinaus – gehen Sie alle hinaus!« rief Frau d'Aiglemont, Helenens Stimme überschreiend. »Um Gottes willen, meine Tochter,« fuhr sie fort, »lassen Sie uns in diesem Augenblick nicht den unglücklichen Kampf von neuem beginnen …«

»Ich werde schweigen,« antwortete Helene mit einer übernatürlichen Anstrengung. »Ich bin selbst Mutter und weiß, Moina darf nicht – wo ist mein Kind?«

Moina, von Neugierde getrieben, kehrte zurück.