Die Marquise ging sogleich hinunter und fand die Wirtin im Hofe, zwischen mehreren Leuten, die ihr aufmerksam zuzuhören schienen.

»Frau Wirtin, Sie haben jemand neben uns einquartiert, und diese Person scheint sehr viel zu leiden –«

»Ach, sprechen Sie nicht davon!« rief die Wirtin. »Ich habe eben nach dem Bürgermeister geschickt. Stellen Sie sich nur vor, es ist eine Frau, eine arme Unglückliche, die gestern abend zu Fuß angekommen ist, von Spanien her. Sie hat keinen Paß und kein Geld. Sie trug auf dem Rücken ein kleines Kind, das im Sterben ist. Ich konnte mir nicht versagen, sie hier aufzunehmen. Heute morgen bin ich selbst zu ihr gegangen; denn gestern bei ihrer Ankunft war mir's nicht so recht geheuer. Die arme kleine Frau! Sie hatte sich mit ihrem Kinde hingelegt, und beide rangen mit dem Tode. ›Frau‹, sagte sie zu mir und zog einen goldenen Ring vom Finger, ›ich besitze nichts mehr als das, nehmen Sie ihn, um sich bezahlt zu machen. Er wird dafür ausreichen, denn mein Aufenthalt hier wird nicht lange währen. Armes Kleinchen, wir werden zusammen sterben.‹ – Damit meinte sie ihr Kind. Ich habe ihren Ring genommen und sie gefragt, wer sie sei. Aber sie wollte mir um keinen Preis

ihren Namen sagen. Ich habe nun nach dem Arzt und dem Bürgermeister geschickt.«

»Aber,« rief die Marquise, »lassen Sie ihr alle Hilfe angedeihen, die ihr vonnöten ist! Mein Gott, vielleicht ist's noch Zeit, sie zu retten. Ich werde Ihnen alles bezahlen, was die Sache kostet.«

»Ach, Madame, sie scheint recht stolz zu sein, und ich weiß nicht, ob sie das annehmen wird.«

»Ich werde sie aufsuchen.«

Sogleich stieg die Marquise zu der Unbekannten hinauf. Sie dachte nicht daran, wie sehr sie noch das Leid der schon im Sterben Liegenden vermehren sollte; denn Frau d'Aiglemont ging noch in Trauer. Die Marquise erbleichte beim Anblick der Unglücklichen. Trotz der schrecklichen Leiden, die Helenens Schönheit entstellt hatten, erkannte sie ihre ältere Tochter.

Als Helene eine schwarz gekleidete Frau erblickte, richtete sie sich auf, stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sank auf ihr Bett zurück – sie sah in dieser Frau ihre Mutter vor sich.

»Meine Tochter,« sagte Frau d'Aiglemont, »was fehlt Ihnen? – Pauline! Moina!«