»Meine Tochter,« sagte die Marquise, »es ist meine Pflicht, dich über eine der wichtigsten Krisen in unserm Leben, im Frauenleben aufzuklären. Du befindest dich jetzt in ihr, vielleicht ohne es zu ahnen, aber ich werde dich nicht sowohl als Mutter wie als Freundin darauf aufmerksam machen. Indem du dich verheiratet hast, erlangtest du die volle Freiheit des Handelns, du bist darin nur deinem Gatten Rechenschaft schuldig; aber ich habe dich so wenig die mütterliche Gewalt fühlen lassen – und das war vielleicht ein Unrecht – daß ich mich im Recht glaube, wenigstens einmal im Leben, in einer ernsten Lage, wo du des Rats bedarfst, dir meine Meinung zu sagen. Denke daran, Moina, daß ich dich mit einem Manne von hohem Range vermählt habe, auf den du stolz sein kannst, den …«
»Mutter,« rief Moina in widerspenstigem Tone, sie unterbrechend, »ich weiß, was Sie mir sagen wollen – Sie wollen mir eine Predigt über Alfred halten …«
»Du würdest es nicht so gut erraten, Moina,« fuhr die Marquise fort und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten, »wenn du nicht fühltest …«
»Was denn?« versetzte sie in fast hochmütigem Tone. »Aber, Mutter, ich muß doch sagen –«
»Moina,« rief Madame d'Aiglemont mit großer
Kraft, »du mußt unbedingt aufmerksam anhören, was ich dir zu sagen habe …«
»Ich höre,« sagte die Komtesse und kreuzte die Arme, halb im Trotz, halb in Unterwürfigkeit. »Gestatten Sie jedoch, meine Mutter,« setzte sie mit unglaublicher Kaltblütigkeit hinzu, »daß ich Pauline rufe. Sie soll einen Gang besorgen.«
Sie klingelte.
»Mein liebes Kind, Pauline darf nicht hören –«
»Mama,« versetzte die Komtesse in ernsthaftem Tone, der der Mutter sehr sonderbar vorkommen mußte, »ich habe –«