Sie hielt inne, denn das Kammermädchen erschien.
»Pauline, gehen Sie selbst zu Baudran und fragen Sie, warum ich meinen Hut noch nicht habe.«
Sie setzte sich wieder und sah aufmerksam ihre Mutter an. Die Marquise, deren Herz zu brechen drohte und deren Augen trocken waren, empfand in diesem Augenblick ein Gefühl, dessen Schmerz nur von Müttern begriffen werden kann. Sie nahm das Wort, um Moina über die Gefahr zu belehren, in der diese schwebte. Aber ob nun die Komtesse sich verletzt fühlte durch das Mißtrauen, das ihre Mutter gegen den Sohn des Marquis de Vandenesse hegte, oder ob sie auf eine jener unbegreiflichen Torheiten verfiel, die sich nur aus der Unerfahrenheit der Jugend erklären lassen, jedenfalls benützte sie eine Pause, die ihre Mutter machte, um ihr mit einem gezwungenen Lachen zuzurufen:
»Mama, ich habe nur Eifersucht auf den Vater in Ihnen gesucht …«
Bei diesem Worte schloß Frau d'Aiglemont die Augen, senkte den Kopf und stieß den leisesten aller Seufzer
aus. Sie blickte nach oben, als gehorche sie dem unüberwindlichen Gefühl, das uns in den großen Krisen des Lebens veranlaßt, Gott anzurufen; dann heftete sie einen Blick schrecklicher Majestät und doch auch tiefen Schmerzes auf ihre Tochter.
»Mein Kind,« sagte sie in verändertem Tone, »du bist jetzt unbarmherziger gegen deine Mutter gewesen, als der Mann war, den sie hintergangen hat, und als selbst vielleicht Gott sein wird.«
Frau d'Aiglemont erhob sich; aber als sie an der Tür stand, drehte sie sich noch einmal um. Sie sah in den Augen ihrer Tochter nichts als Befremdung und ging hinaus. Sie konnte noch bis zum Garten gehen; dort verließen sie die Kräfte. Ihr Herz zog sich in heftigem Schmerz zusammen, und sie sank auf eine Bank. Ihre über den Sand hinirrenden Augen erkannten die frische Fußspur eines Mannes, dessen Stiefel sehr deutliche Eindrücke zurückgelassen hatten. Es war kein Zweifel mehr, ihre Tochter war verloren, und sie glaubte nun auch den Grund zu erkennen, weshalb Moina Pauline weggeschickt hatte. Dieser grausame Gedanke brachte eine Deutung mit sich, die noch häßlicher war, als alles übrige. Sie vermutete, der Sohn des Marquis de Vandenesse hätte im Herzen Moinas die Ehrfurcht vernichtet, die eine Tochter der Mutter schuldig ist.
Der Herzkrampf nahm zu, sie sank in Ohnmacht, ohne es selbst zu spüren, und saß wie eingeschlafen da.
Die junge Komtesse fand, ihre Mutter hätte sich zuviel herausgenommen und ihr einen deutlichen »Rüffel« gegeben. Sie glaubte, am Abend würde die alte Dame durch eine Liebkosung oder irgendwelche Aufmerksamkeit ihr unpassendes Benehmen wieder gutmachen.