Als sie im Garten den Schrei einer Frau hörte, neigte sie sich nachlässig hinaus, und im selben Augenblick rief Pauline, die noch nicht fortgegangen war, um Hilfe und hielt die Marquise in den Armen.
»Erschrecken Sie doch meine Tochter nicht!« war das letzte Wort, das diese Mutter aussprach.
Moina sah, wie ihre Mutter blaß, leblos, nur noch mit Mühe atmend, hereingetragen wurde. Die Sterbende bewegte die Arme, als wenn sie sich sträuben oder sprechen wollte. Entsetzt über diesen Anblick, lief Moina hinter ihrer Mutter her und half schweigend ihr Bett zurechtzumachen und sie auszukleiden. Sie erkannte nun, daß sie an diesem Ende schuld war, und dieses Schuldbewußtsein drückte sie zu Boden.
In diesem letzten Augenblick erkannte sie, was im Herzen der Mutter vorgegangen war, und konnte nun doch nichts mehr gutmachen. Sie wollte allein mit ihr sein; und als niemand mehr im Zimmer war, als sie die Hand, die für sie immer eine liebkosende Hand gewesen war, kalt werden fühlte, da zerfloß sie in Tränen.
Über dieses Weinen erwachend, konnte die Marquise ihre Moina noch einmal ansehen; und als sie das Schluchzen hörte, das den zarten, halb entblößten Busen zerreißen zu wollen schien, betrachtete sie ihre Tochter und lächelte. Dieses Lächeln bewies der jungen Muttermörderin, daß das Herz einer Mutter ein Abgrund ist, in dessen Tiefe sich noch immer ein Verzeihen findet.
Sobald man um den Zustand der Marquise wußte, wurden reitende Boten abgesandt, um den Arzt, den Chirurgen und die Enkelkinder der Frau d'Aiglemont zu holen. Die junge Marquise d'Aiglemont und ihre Kinder trafen zu gleicher Zeit mit den Ärzten ein, und als
sich noch die Dienerschaft hinzugesellte, war es eine feierliche, schweigende, schmerzlich gespannte Versammlung. Die junge Marquise, die vergebens auf einen Laut gehorcht hatte, klopfte leise an die Tür des Zimmers. Bei diesem Zeichen fuhr Moina aus ihrem Schmerz empor und stieß ungestüm die beiden Flügel auf. Sie sah mit scheuen Blicken diese Familienversammlung an und stand vor all den Leuten in einem Zustande, der in seiner Unordnung und Wirrnis deutlicher redete, als Worte es vermocht hätten.
Angesichts so tiefer, eindringlicher Reue blieben alle stumm. Man konnte die kalten, krampfhaft auf dem Totenbette ausgestreckten Füße der Marquise sehen. Moina lehnte sich an die Tür, sah ihre Verwandten an und sagte mit hohler Stimme:
»Ich habe meine Mutter verloren!«
Ende.