Diese Worte erweckten die Komtesse wie aus einem verzauberten Schlummer. Ein Lächeln, eine Handbewegung entschlüpften ihr, über die die Marquise erstaunt war. Anstatt jene unbewußte Befriedigung zu verraten, die selbst die strengste Frau empfindet, wenn sie erfährt, sie mache einen Mann unglücklich, blieb Juliens Blick matt und kalt. Ihr Gesicht drückte einen an Abscheu grenzenden Widerwillen aus. Es lag darin aber nicht die Geringschätzung, mit der eine liebende Frau sich über die ganze Welt hinwegsetzt, zugunsten eines einzigen Wesens; nein, Julie glich in diesem Augenblick einer Person, in der die allzu frische Erinnerung an eine Gefahr noch nicht ganz verheilt ist. Die Tante war schon fest überzeugt gewesen,

daß Julie ihren Neffen nicht liebe – doch nun entdeckte sie zu ihrer Verblüffung, daß sie überhaupt niemand liebte. Mit Zittern wurde sie sich klar darüber, daß sie in Julie ein aus allen Himmeln herabgestürztes Wesen erkennen müsse, die an einem Tage, vielleicht in einer Nacht, vollauf erkannt habe, was für eine Null sie zum Manne hatte.

»Sie kennt ihn – es ist nicht anders,« dachte sie, »und nun wird mein Neffe bald auch die Schattenseiten der Ehe kennen lernen.«

Sie nahm sich nun vor, Julie für die monarchischen Lehren zu gewinnen, die im Jahrhundert Ludwigs XV. gegolten hatten. Aber ein paar Stunden später erkannte oder vielmehr erriet sie die in der Welt ziemlich häufige Stimmung, aus der Juliens Melancholie entsprang.

Plötzlich nachdenklich geworden, zog Julie sich früher, als sie es sonst pflegte, zurück. Als die Kammerfrau ihr beim Entkleiden behilflich gewesen war und sie dann allein gelassen hatte, blieb Julie, statt zu Bett zu gehen, vorm Kamin sitzen, auf einem Ruhebett von gelbem Sammet, einem altertümlichen Möbel, das betrübten wie glücklichen Menschen eine gleich behagliche Stätte bot. Sie weinte, seufzte, sann nach; dann rückte sie einen kleinen Tisch heran, suchte Papier und begann zu schreiben. Die Stunden vergingen rasch; Julie schüttete in diesem Briefe ihr Herz ans, doch schien ihr das nicht leicht zu fallen; jeder Satz führte endlose Träumereien herbei, und plötzlich brach sie in Tränen aus und hielt inne.

In diesem Augenblick schlug die Uhr zwei. Der Kopf war ihr schwer, wie der einer Sterbenden, und das Kinn sank auf die Brust. Als Julie aufsah, erblickte sie

ihre Tante, die so plötzlich aufgetaucht war, als sei sie aus den über die Wände gespannten Tapeten herausgetreten.

»Was haben Sie denn, meine Kleine?« fragte die Tante. »Warum so lange wach bleiben, und vor allem warum einsame Tränen vergießen? In Ihrem Alter?«

Sie setzte sich ohne Umstände neben ihre Nichte und verschlang mit den Blicken den angefangenen Brief.

»Haben Sie an Ihren Mann geschrieben?«