sie es denn endlich auf, sie der Gesellschaft der Stadt vorzustellen. In dem Kummer über den Tod des Vaters, um den sie noch trauerte – sie trug sogar noch Trauerkleider – hatte sie einen Vorwand gefunden für ihre Liebe zur Einsamkeit und ihre stete Betrübnis.
Nach Verlauf von acht Tagen bewunderte die alte Dame Juliens engelhafte Sanftmut, Bescheidenheit, Anmut und duldsamen Geist und interessierte sich außerdem über die Maßen für die geheimnisvolle Melancholie, die dieses junge Herz zu verzehren schien. Die Komtesse gehörte zu jenen Frauen, die dazu geboren sind, liebenswürdig zu sein, und, wohin sie auch gehen, Glück mit sich zu bringen scheinen. Ihre Gesellschaft wurde der Marquise de Listomere so lieb und kostbar, daß sie schließlich in ihre Nichte ganz vernarrt war und sich gar nicht mehr von ihr trennen wollte.
Ein Monat genügte, so hatte sich zwischen ihnen eine ewige Freundschaft gebildet. Nicht ohne Verwunderung bemerkte die alte Dame, daß sich in den Gesichtszügen der Frau d'Aiglemont eine große Veränderung zu zeigen begann. Die lebhafte Färbung, die an dem Antlitz aufgefallen war, verlor sich allmählich, und es überzog sich mit einer matten Blässe. Während Julie ihre jugendliche Blüte verlor, ließ zugleich auch ihre traurige Stimmung nach. Mitunter erweckte die Greisin bei ihrer jungen Verwandten Ausbrüche der Heiterkeit oder ausgelassenes Lachen, das aber bald wieder von einem unzeitgemäßen Gedanken zurückgedrängt wurde. Sie erriet, daß weder die Erinnerung an den Vater noch die Abwesenheit Victors der Grund zu der tiefen Schwermut war, die einen Schleier über das Leben ihrer Nichte warf. Und dann vermutete sie dahinter allerlei Arges, und es wurde ihr
schwer, auf die wahre Ursache des Übels zu kommen; denn die Wahrheit finden wir vielleicht stets nur durch Zufall.
Endlich offenbarte Julie eines Tages den Augen der erstaunten Tante ein neues Wesen: sie vergaß völlig die verheiratete Frau, zeigte alle Naivität eines unbesonnenen Mädchens, einen Freimut, eine Kindlichkeit, die eines Backfisches würdig waren, und all den zarten, manchmal so tiefen Geist, der die junge Welt in Frankreich auszeichnet. Nun nahm Frau de Listomere sich fest vor, die Geheimnisse dieser Seele zu ergründen, deren Absonderlichkeit ebenso undurchdringlich schien wie das Gemüt einer Meisterin der Verstellungskunst.
Es begann zu dunkeln, und die beiden Damen saßen vor einem Fenster, das auf die Straße hinausging. Julie schaute wieder nachdenklich vor sich hin, da ritt ein Herr vorüber.
»Auch einer von denen, die Sie auf dem Gewissen haben,« sagte die alte Dame.
Frau d'Aiglemont sah ihre Tante halb verwundert, halb beunruhigt an.
»Es ist ein junger Engländer von Adel, Seine Ehren Arthur Ormond, der älteste Sohn des Lord Grenville. Von ihm ist Interessantes zu berichten. Im Jahre 1802 kam er nach Montpellier. Die Ärzte hatten ihn dorthin geschickt, und er hoffte, in der Luft dieser Gegend Heilung eines Brustleidens zu finden, dem er zu erliegen fürchtete. Wie alle seine Landsleute, wurde er nun von Napoleon bei Ausbruch des Krieges hier zurückgehalten. Dieses Ungeheuer muß ja fortwährend Krieg führen, das geht nicht anders. Zu seiner Zerstreuung hat nun der junge Brite angefangen, seine Krankheit, die man für tödlich
hielt, zu studieren. So hat er allmählich Gefallen an Anatomie und Arzneikunde gefunden. Er ist nun ganz vernarrt in diese Künste, was bei einem Manne von Stand etwas Außergewöhnliches ist. Freilich, der Regent hat sich ja auch mit Chemie befaßt. Kurz, Arthur hat erstaunliche Fortschritte gemacht – selbst die Professoren von Montpellier haben sich darüber gewundert. Das Studium hat ihn über sein unfreiwilliges Exil hinweggetröstet, und gleichzeitig hat er sich gründlich ausgeheilt. Man sagt, er habe zwei Jahre lang fast gar nicht gesprochen, sehr behutsam geatmet und in einem Stalle geschlafen. Getrunken hat er nur die Milch einer Kuh, die er sich aus der Schweiz hat kommen lassen, und gegessen hat er fast nichts als Kresse. Seit er in Tours weilt, hat er mit niemand verkehrt; er ist stolz wie ein Pfau – aber Sie haben es ihm wahrscheinlich angetan, denn meinetwegen reitet er gewiß nicht zweimal täglich unter unsern Fenstern vorüber. Das macht er erst, seit Sie hier sind. Sicherlich ist er verliebt in Sie.«