drückten nicht das aus, was die Marquise unter Liebe verstand. Die gute Dame war eine Provençalin und in ihren Gefühlen etwas überschwenglich gewesen.

»Sie haben sich also von meinem Taugenichts von Neffen ins Garn ziehen lassen?« fragte sie ihre Nichte.

Die Gräfin zitterte unwillkürlich, denn in Blick und Ton der alten Kokette schien sich eine tiefere Charakterkenntnis Victors zu verraten, als sie vielleicht selbst besaß. In ihrer Unruhe nahm daher Frau d'Aiglemont Zuflucht zu jener Art von Verstellung, die, so ungeschickt sie ist, doch der einzige Ausweg naiver Herzen ist, wenn sie leiden.

Frau de Listomere gab sich mit Juliens Antworten zufrieden; aber sie dachte mit Freude daran, daß ihre Einsamkeit von einem Liebesgeheimnis erheitert werden könnte; denn sie war der Meinung, ihre Nichte habe irgendeine amüsante Intrige angezettelt. Als Frau d'Aiglemont sich in einem prächtigen Salon befand, dessen Tapeten mit Goldleisten eingefaßt waren, und an einem großen Feuer saß, gegen die durch die Fenster hereinziehende Kälte durch einen chinesischen Windschirm geschützt, wollte die Traurigkeit nicht mehr von ihr weichen. Unter so altem Getäfel, zwischen diesen Möbeln vom vorigen Jahrhundert konnte auch schwerlich Heiterkeit aufkommen.

Dennoch machte es der jungen Pariserin Spaß, in diese tiefe Einsamkeit, in die Stille der Provinz versetzt zu sein. Als sie ein paar Worte mit ihrer Tante gewechselt, an die sie nur einmal als Jungvermählte einen Brief geschrieben hatte, versank sie wieder in Schweigen, und man hätte meinen mögen, sie lausche einer Opernmusik.

Erst nachdem sie zwei Stunden lang in einer der Trappisten würdigen Stille dagesessen hatte, wurde sie sich bewußt, daß das eine große Unhöflichkeit gegen ihre Tante sei. Sie erinnerte sich, daß sie ihr nur sehr einsilbige Antworten gegeben hatte.

Die alte Dame hatte die Stimmung ihrer Nichte berücksichtigt, in jenem feinen Taktgefühl, das die Leute der alten Zeit kennzeichnet. In diesem Augenblick strickte die Greisin. Sie war allerdings auch ein paarmal hinausgegangen, um in einem gewissen grünen Zimmer nachzuschauen, wo die Komtesse schlafen sollte und wo die Dienstmädchen das Gepäck unterbrachten. Dann nahm sie wieder Platz in einem großen Lehnstuhl und musterte insgeheim die junge Frau. Julie schämte sich nun, daß sie sich ihren unwiderstehlichen Grübeleien so ganz überlassen hatte, und versuchte ein wenig darüber zu spötteln, um desto eher Verzeihung dafür zu erlangen.

»Meine liebe Kleine, wir kennen den Schmerz von Witwen,« antwortete die Tante.

Julie hätte vierzig Jahre alt sein müssen, um die Ironie zu verstehen, die um die Lippen der alten Dame spielte.

Am andern Tage war die Komtesse besser gestimmt und plauderte viel. Frau de Listomere verzweifelte nicht mehr daran, mit dieser jungen Gattin, die sie erst für ein unzugängliches, blödes Wesen gehalten hatte, auf vertrauten Fuß zu gelangen. Sie schwatzte mit ihr von den Freuden des Landes, von Bällen und den Häusern, wo sie Besuche machen könnten. Zuerst wies Julie alle Aufforderungen, außerhalb des Hauses Zerstreuung zu suchen, zurück. Trotzdem die alte Dame sehnsüchtig danach verlangte, sich mit ihrer schönen Nichte zu zeigen, gab