jungen wirklich unschuldigen und unerfahrenen Frauen, erschien es ihr schon als Fehltritt, unabsichtlich bei einem jungen Manne Liebe erweckt zu haben. Sie empfand ein unwillkürliches Entsetzen, das ihr vielleicht das Bewußtsein ihrer Schwäche gegenüber einer so kühnen Annäherung einflößte.
Eine der stärksten Waffen des Mannes ist diese furchtbare Macht, sich der von Natur regen Phantasie einer Frau, die über eine solche Verfolgung erschrickt oder sich beleidigt fühlt, immer wieder aufzudringen. Die Komtesse erinnerte sich des Rates, den die Tante ihr gegeben hatte, und beschloß, während der ganzen Reise in ihrem Reisewagen zu bleiben und nicht ein einziges Mal herauszukommen. Aber auf jeder Station hörte sie den Engländer um die beiden Wagen herumgehen. Und auf dem Wege hallte ihr das unwillkommene Geräusch seines Gespanns unaufhörlich in den Ohren. Die junge Frau dachte, Victor, bei dem sie ja nun bald sein würde, werde schon ein Mittel wissen, sie gegen diese sonderbare Verfolgung zu schützen.
»Aber wenn mich dieser junge Mann nun nicht liebt?«
Diese Betrachtung war die letzte von allen, die sie anstellte. Als sie nach Orleans kam, wurde ihre Postkutsche von den Preußen angehalten, auf den Hof einer Herberge gebracht und dort von Soldaten bewacht. Widerstand war unmöglich. Die Fremden gaben den drei Reisenden durch gebieterische Gebärden zu verstehen, sie hätten Befehl, niemand aus dem Wagen herauszulassen.
Die Komtesse blieb unter Tränen fast zwei Stunden lang die Gefangene dieser Soldaten, die rauchten, lachten und sie manchmal mit frecher Neugierde betrachteten. Aber
endlich sah sie sie mit Respekt von dem Wagen wegtreten, und hörte das Trappeln mehrerer Pferde. Bald umringte eine Schar höherer ausländischer Offiziere, an deren Spitze sich ein österreichischer General befand, die Kalesche.
»Gnädige Frau,« sagte der General zu ihr, »entschuldigen Sie. Es hat ein Versehen stattgefunden – Sie können Ihre Reise ohne Furcht fortsetzen, und hier haben Sie einen Paß, der Ihnen weiterhin jede Unannehmlichkeit ersparen wird.«
Die Komtesse nahm das Papier zitternd entgegen und stammelte ein paar undeutliche Worte. Sie sah neben dem General, und in der Kleidung eines englischen Offiziers, Arthur stehen, dem sie ohne Zweifel ihre rasche Befreiung verdankte. Zugleich freudig und betrübt, sah der junge Engländer zur Seite und wagte nicht einmal heimlich nach Julie hinzuschauen. – Dank dem Paß, gelangte Frau d'Aiglemont ohne weiteres verdrießliches Abenteuer nach Paris. Sie traf hier ihren Gatten, der, von seinem Treueid gegen den Kaiser entbunden, beim Grafen d'Artois, dem von seinem Bruder Ludwig XVIII. ernannten Generalleutnant des Königreichs, schmeichelhafteste Aufnahme gefunden hatte.
Victor wurde in der königlichen Garde zum Range eines Generals befördert. Inmitten der Festlichkeiten, mit denen man die Rückkehr der Bourbonen feierte, wurde die arme Julie von einem recht großen Unglück betroffen, das nicht ohne Einfluß auf ihr Leben bleiben konnte: sie verlor die Marquise de Listomere-Landon. Die alte Dame starb, als sie den Herzog von Angoulème in Tours wiedersah, vor Freude und an einem ins Herz zurückgetretenen Tropfen Blutes. So war denn die Frau tot, der
ihr Alter das Recht gegeben hätte, Victor aufzuklären, die einzige, die durch triftige Ratschläge eine völlige Harmonie zwischen Mann und Frau hätte herstellen können. Sie war tot, und Julie fühlte die ganze Tragweite dieses Verlusts. Nun war sie wieder allein und ohne Vermittlerin zwischen sich und dem Gatten. Aber jung und schüchtern, wie sie war, mußte sie im Anfang lieber dulden als klagen. Eben die Vollkommenheit ihres Charakters ließ es nicht zu, daß sie sich dem entzöge, was sie für ihre Pflicht hielt, oder nach der Ursache ihrer Schmerzen forschte. Denn diesen ein Ende zu machen, wäre eine zu heikle Sache gewesen; Julie hätte gefürchtet, ihre jungfräuliche Scham zu verletzen.