In dem Bilde, das ihre Erinnerung ihr von der Vergangenheit entwarf, zeichnete sich das lautere Gesicht Arthurs mit jedem Tage reiner und schöner ab; doch betrachtete sie es stets nur flüchtig, denn sie wagte nicht, bei dieser Erinnerung zu verweilen. Die schweigsame,
schüchterne Liebe des jungen Engländers war das einzige Ereignis, das seit der Verheiratung eine sanfte Spur in diesem düstern, einsamen Herzen zurückgelassen hatte.
Vielleicht richteten sich alle getäuschten Hoffnungen, alle fehlgeschlagenen Wünsche, die allmählich Juliens Geist verdüstert hatten, durch ein natürliches Spiel der Phantasie auf diesen Mann, dessen Manieren, Gefühl und Art anscheinend eine so große Übereinstimmung mit ihrem Wesen aufwiesen. Aber dieser Gedanke hatte immer den Charakter einer Laune, eines Traumes. Nach einem solchen haltlosen Sinnen, das immer in Seufzern seinen Abschluß fand, erwachte Julie noch unglücklicher und empfand nur noch tiefer ihre verborgenen Schmerzen, nachdem sie sie unter den Fittichen eines Glückes eingeschläfert hatte, das die Phantasie ihr vorgegaukelt.
Manchmal nahmen ihre Klagen einen törichten, tollkühnen Charakter an; sie verlangte Vergnügungen um jeden Preis. Aber noch öfter verharrte sie in einer unsagbaren stumpfsinnigen Betäubung, hörte zu, ohne zu verstehen, oder spann so unklare, unbestimmte Gedanken, daß sie sie in Worten nicht hätte ausdrücken können.
In ihrem intimsten Wollen, in den Gewohnheiten, die sie einstmals als junges Mädchen sich erträumt hatte, so tief verwundet, mußte sie nun ihre Tränen in sich hinein weinen. Wem hätte sie ihr Leid klagen sollen? Von wem konnte sie verstanden werden? Und dann besaß sie ja auch jenes äußerste Zartgefühl des Weibes, jene liebliche Schamhaftigkeit des Gefühls, die darin besteht, keine unnütze Klage laut werden zu lassen, den Vorteil
unbenutzt zu lassen, sobald der Sieg den Sieger ebenso erniedrigen müßte wie den Besiegten.
Julie suchte Herrn d'Aiglemont ihre Fähigkeit, die ihr eigenen Tugenden zu verleihen und rühmte sich gegen die Welt eines Glückes, das ihr doch nicht beschieden war.
All ihr weibliches Feingefühl wurde vollständig umsonst aufgeboten, eine Rücksicht zu nehmen, die ihr Mann ja doch nicht beachtete, indem er sich im Gegenteil dadurch in seinem Egoismus bestärkt fühlte. Bisweilen war sie nahe daran, vor Unglück den Verband zu verlieren; aber zum Glück führte eine echte Frommheit sie immer wieder zu einer äußersten Hoffnung: sie nahm Zuflucht zu dem zukünftigen Leben – eine bewundernswerte Glaubenskraft ließ sie von neuem ihre schmerzliche Bürde auf sich nehmen.
Diese furchtbaren Kämpfe, diese innere Zerrissenheit blieben ohne Ruhm, ihre langen Stunden der Schwermut blieben unbekannt; keine Menschenseele fing ihre matten Blicke, ihre bitteren Tränen auf – dem Zufall hingegeben, erloschen sie in der Einsamkeit.
Die Gefahren der kritischen Lage, zu der die Marquise unmerklich durch die Kraft der Verhältnisse gelangt war, enthüllten sich ihr in vollem Ernst erst an einem Abend im Januar 1820.