Wenn zwei Eheleute sich ganz genau kennen und sich seit langem aneinander gewöhnt haben, wenn eine Frau die geringsten Gebärden eines Mannes zu deuten weiß und Gefühle oder Dinge, die er ihr verbirgt, durchschauen kann, dann geht ihr oft nach vorhergehenden Betrachtungen oder Bemerkungen, die zufällig und ursprünglich auch ohne jeden Belang gemacht werden, ganz plötzlich ein Licht

auf, und oftmals erwacht eine Frau mit einem Male am Rande oder am Boden eines Abgrunds.

So erriet die Marquise, die sich seit zwei Tagen freute, allein zu sein, ganz plötzlich das Geheimnis ihres Alleinseins. Ob aus Untreue oder aus Überdruß, ob aus Edelsinn oder Mitleid mit ihr – ihr Gatte gehörte ihr nicht mehr. In diesem Augenblick dachte sie nicht mehr an sich, noch an ihre Leiden und Opfer; sie war nur noch Mutter, und ihr Augenmerk galt der Zukunft, dem Glück ihrer Tochter, des einzigen Wesens, von dem ihr noch ein wenig Glückseligkeit kam – ihrer Helene, des einzigen Guts, das sie noch ans Leben fesselte.

Jetzt wollte Julie nicht sterben – sie wollte ihr Kind vor dem entsetzlichen Joch bewahren, unter dem eine Stiefmutter das Leben dieses teueren Wesens erdrücken konnte. Bei dieser neuen Voraussicht eines finstern Geschicks verfiel sie in eine jener glühenden Grübeleien, die ganze Jahre verzehren. Zwischen ihr und ihrem Gatten mußte hinfort eine ganze Welt von Gedanken liegen, deren Last auf sie allein fallen würde. Bisher war sie gewiß gewesen, von Victor geliebt zu sein, soweit er der Liebe fähig war, und sie hatte sich einem Glücke hingegeben, das sie selbst nicht teilte. Aber jetzt hatte sie nicht mehr die Genugtuung, zu wissen daß ihre Tränen ihren Mann noch immer rühren würden – jetzt stand sie allein in der Welt, und es blieb ihr keine Wahl als das Unglück.

In der Stille und dem Schweigen des Abends erlahmte alle ihre Kraft, aller Mut brach nieder, und in dem Augenblick, wo sie ihren Diwan und ihr fast erloschenes Feuer verließ, um zu ihrer Tochter zu gehen und beim Scheine einer Lampe mit trockenen Augen das Kind anzusehen, kehrte Herr d'Aiglemont in fröhlichster Stimmung

heim. Julie bewog ihn, mit ihr zusammen die schlafende Helene zu bewundern, aber er fertigte die Begeisterung seiner Frau mit einer banalen Phrase ab.

»In diesem Alter,« sagte er, »sind alle Kinder niedlich.«

Nachdem er seiner Tochter einen flüchtigen Kuß auf die Stirn gegeben, ließ er die Vorhänge der Wiege herab, sah Julie an, nahm sie bei der Hand und führte sie zu dem Diwan, wo eben noch so viele unheilvolle Gedanken sie bestürmt hatten.

»Sie sind sehr schön heute abend, Madame d'Aiglemont!« rief er mit der unerträglichen Heiterkeit, deren Leere der Marquise so wohlbekannt war.

»Wo haben Sie den Abend verbracht?« fragte sie, tiefe Gleichgültigkeit erkünstelnd.