Acht Tage lang sann sie über ihr Schicksal nach, ihrem Unglück preisgegeben. Sie faßte es von allen Seiten ins Auge und suchte nach Mitteln und Wegen, um nicht ihr eigenes Herz belügen zu müssen, die Herrschaft über den Marquis wiederzugewinnen und so lange zu leben, bis das Glück ihrer Tochter gesichert war. Sie beschloß nun, mit ihrer Nebenbuhlerin zu kämpfen, sich wieder in der Gesellschaft zu zeigen, dort zu glänzen und, nur um den Gatten für sich zu gewinnen, ihm eine Liebe vorzuheucheln, die sie doch eben nicht empfinden konnte. Und hatte sie mit ihren Künsten ihn ihrer Macht unterworfen, so wollte sie kokett zu ihm sein, wie es die kapriziösen Mätressen sind, die sich ein Vergnügen daraus machen, ihre Verehrer auf die Folter zu spannen.

Diese häßliche Handlungsweise war das einzige Mittel, das ihr in ihrem Leid noch zur Verfügung stand. So würde sie vielleicht Herrin ihres Kummers werden, nach ihrem Gefallen über ihren Schmerz gebieten können, ihn auf seltenere Anfälle einschränken – die Unterjochung des Mannes, der Triumph, ihn zum Sklaven eines furchtbaren Despotismus gemacht zu haben, würde ihr dazu verhelfen. Sie machte sich kein Gewissen daraus, ihm ein Leben aufzuzwingen, das ihm manchmal lästig werden müßte. Mit einem Sprunge stürzte sie sich in die kalten Berechnungen der Gleichgültigkeit, um ihre Tochter zu retten, sie ersann sich auf der Stelle alle Hinterlisten, alle Lügen der Geschöpfe, die nicht lieben, das Trugwerk der Koketterie und die grausame Tücke, um deren willen die Männer das Weib so gründlich hassen, bei dem sie dann angeborene Verderbnis vermuten.

Unbewußt machten ihre weibliche Eitelkeit, ihr Vorteil und ein geheimer Wunsch nach Rache gemeinsame Sache mit ihrer Mutterliebe, um sie auf eine Bahn zu locken, wo nur neue Schmerzen ihrer harrten. Sie hatte eine zu schöne Seele, einen zu harten Geist, und vor allem zu viel Offenheit, um sich lange eines solchen Betrugs schuldig zu machen. Sie war gewohnt, beim ersten Schritt in das Laster – denn dies war Laster – in ihrer Seele zu lesen, und so mußte der Schrei ihres Gewissens die Stimme der Leidenschaft und des Egoismus übertönen.

In der Tat, bei einer jungen Frau, deren Herz noch rein ist, und bei der die Liebe jungfräulich geblieben, ist selbst das Gefühl der Mutterschaft der Stimme der Scham unterworfen. Ist nicht die Scham das ganze Weib? Aber Julie wollte noch keine Gefahr, noch keinen Fehler in dem neuen Leben erblicken.

Sie ging zu Madame de Sérizy. Ihre Nebenbuhlerin erwartete, eine bleiche, schmachtende Frau zu sehen; die Marquise hatte Rot aufgelegt und zeigte sich in allem Glanze eines Schmuckes, der ihre Schönheit in das vorteilhafteste Licht setzte.

Gräfin de Sérizy zählte zu jenen Frauen, die sich in Paris eine gewisse Herrschaft über Mode und Gesellschaft anmaßen. Ihr Urteilsspruch hatte in dem Kreise, wo sie regierte, nach ihrer eigenen Meinung allgemeine Geltung; sie hatte die Kühnheit, Worte zu prägen; sie war unumschränkte Richterin. Literatur, Politik, Männer und Frauen, alles unterlag ihrer Kritik; und das Urteil anderer schien Frau Sérizy nicht zu beachten. Ihr Haus war in allen Punkten ein Muster guten Geschmacks.

In diesen von eleganten, schönen Frauen überfüllten

Salons triumphierte nun Julie über die Komtesse. Geistreich, lebhaft, mutwillig, hatte sie die hervorragendsten Männer des Abends um sich versammelt. Zum größten Verdruß der Frauen war dabei ihre Toilette ganz untadelhaft, und alle beneideten sie um einen Rockschnitt, um eine Taillenform, deren Wirkung man allgemein dem Genie einer unbekannten Schneiderin zuschrieb, denn die Frauen glauben immer lieber an die Kunst und Wissenschaft einer Schneiderin als an die Anmut und Vollkommenheit derer, die so gebaut sind, daß sie das Werk dieser Schneiderin nun auch gut tragen können.

Als Julie sich erhob, um am Piano die Romanze der Desdemona zu singen, liefen die Männer aus allen Salons herbei, um diese berühmte Stimme zu hören, die so lange nicht erklungen, und ein tiefes Schweigen trat ein. Die Marquise fühlte sich heftig beklommen, als sie die Köpfe an den Türen sich drängen und alle Blicke auf sich geheftet sah. Sie suchte mit den Augen ihren Mann, warf ihm einen koketten Blick zu und sah mit Vergnügen, daß er sich in diesem Moment in seiner Eigenliebe sehr geschmeichelt fühlte.

Glücklich über diesen Triumph, entzückte sie in dem ersten Teile des »Al piu salice« die ganze Versammlung. Noch nie hatte die Malibran oder die Pasta einen Gesang hören lassen von solcher Vollendung des Gefühls und der Betonung. Aber als sie fortfahren wollte, sah sie sich unter den Gruppen um und erblickte Arthur, dessen unverwandter Blick sie nicht verließ. Da zitterte sie heftig, und ihre Stimme schlug um. Madame de Sérizy eilte von ihrem Platz auf die Marquise zu.