»Was haben Sie, meine Teure? O, arme Kleine, sie ist leidend! Ich hatte gleich meine Befürchtungen, als
sie sich daran wagte – es mußte ja ihre Kräfte übersteigen.«
Die Romanze wurde unterbrochen. Julie hatte in ihrem Verdruß nicht den Mut fortzufahren und ließ das falsche Mitleid ihrer Nebenbuhlerin über sich ergehen. Alle Frauen flüsterten untereinander, und indem sie über diesen Vorfall sprachen, errieten sie den zwischen der Marquise und Frau de Sérizy entbrannten Kampf und verschonten auch die letztere nicht mit ihrer Schmähsucht.
Die seltsamen Ahnungen, die so oft Juliens Herz erschüttert hatten, waren mit einem Schlag zur Wahrheit geworden. Wenn sie an Arthur dachte, hatte es ihr gefallen, sich vorzustellen, daß ein Mann von so sanftem Äußern seiner ersten Liebe treu geblieben sein müßte. Manchmal hatte sie sich geschmeichelt, der Gegenstand dieser schönen Leidenschaft zu sein, der reinen und wahren Leidenschaft eines jungen Mannes, dessen ganzes Denken und Dichten seiner Geliebten gehörte, der keine Winkelzüge kennt, der über Dinge errötet, über die sonst nur eine Frau errötet, der wie eine Frau denkt, ihr keine Nebenbuhlerin gibt und sich ihr überläßt, ohne nach Ehrgeiz, Ruhm oder Vermögen zu fragen.
Alles dies hatte sie aus Torheit, aus Zeitvertreib von Arthur gedacht. Nun glaubte sie plötzlich ihren Traum verwirklicht zu sehen; sie las auf dem fast weiblichen Gesicht des jungen Arthur die tiefen Gedanken, die sanfte Melancholie, die schmerzliche Ergebung, denen sie preisgegeben war. Sie erkannte sich in ihm wieder. Unglück und Schwermut sind die beredtesten Vermittler der Liebe und bringen zwei leidende Wesen mit unglaublicher Schnelligkeit in Einklang. Der innere Blick und die Art, Dinge oder Ideen in sich aufzunehmen, sind bei ihnen
vollständig und zutreffend. Die Heftigkeit der Überraschung, die die Marquise erlitt, enthüllte ihr daher auch alle Gefahren der Zukunft. Sie war glücklich, in ihrem gewohnten leidenden Zustand einen Vorwand für ihre Verwirrung zu finden und ließ sich gern von dem spitzfindigen Mitleid der Frau de Sérizy überschütten.
Die Unterbrechung der Romanze war ein Ereignis, über das sich mehrere Personen auf verschiedene Weise unterhielten. Die einen beklagten Juliens Geschick und bedauerten es, daß eine so hervorragende Frau für die Gesellschaft verloren sei; die andern wollten den Grund ihres Leidens und der Einsamkeit, in der sie lebte, genau kennen.
»Nun wohl, mein teurer Ronquerolles,« sagte der Marquis zu dem Bruder der Frau de Sérizy, »du beneidest mich um mein Glück beim Anblick der Frau d'Aiglemont, und du machst mir den Vorwurf, ich sei ihr untreu? Ei, du würdest mein Schicksal sehr wenig beneidenswert finden, wenn du wie ich ein oder zwei Jahre lang neben einer hübschen Frau leben müßtest, ohne daß du es wagen dürftest, ihr die Hand zu küssen, aus Furcht, du könntest sie zerbrechen. Gib dich nie mit diesen zarten Kleinodien ab – sie sind nur gut dazu, unter Glas gestellt zu werden – sie sind so zerbrechlich und so wertvoll, daß wir uns immer in acht nehmen müssen. Führst du denn dein schönes Pferd oft aus? Man hat mir gesagt, du hast Angst, es könnte von Platzregen oder Schneefall überrascht werden. Nun, das ist dieselbe Geschichte wie bei mir. Es ist wahr, ich kann auf die Tugend meiner Frau einen Eid leisten; aber meine Ehe ist ein Luxusartikel und wenn du glaubst, ich sei verheiratet, so irrst du dich. Daher ist auch meine Untreue in gewissem Maße
berechtigt. Ich möchte gerne wissen, wie ihr euch an meiner Stelle verhieltet, ihr Herren Lacher. Viele Männer würden weit weniger Federlesens mit ihrer Frau machen als ich. Ich bin überzeugt,« setzte er mit leiser Stimme hinzu, »Frau d'Aiglemont ahnt nichts; und ich wäre gewiß auch sehr im Unrecht, wenn ich mich beklagen wollte, ich bin sehr glücklich. Nur ist nichts für einen gefühlvollen Mann lästiger, als ein armes Wesen leiden zu sehen, an das man gebunden ist –«
»Du bist also sehr gefühlvoll?« antwortete Herr de Ronquerolles. »Na ja, du bist ja auch selten zu Hause.«