Dieses freundschaftliche Epigramm erweckte Lachen unter den Zuhörern. Aber Arthur blieb kalt und ruhig – er war einer von den wenigen Kavalieren, die den Ernst zur Grundlage ihres Charakters machen. Die sonderbaren Worte dieses Ehemannes riefen ohne Zweifel gewisse Hoffnungen in dem jungen Engländer wach. Er trachtete mit Ungeduld nach einem Augenblick, wo er mit Herrn d'Aiglemont allein sein könnte, und die Gelegenheit dazu bot sich bald.
»Mein Herr,« sagte er zu ihm, »ich sehe mit unendlichem Schmerz, in welchem Zustand sich die Frau Marquise befindet, und wenn Sie erfahren, daß sie eines elenden Todes sterben muß, wenn nicht eine besondere Kur angewendet wird, so denke ich, Sie werden mit dem Leiden ihrer Frau keinen Scherz treiben. Wenn ich so zu Ihnen spreche, so bin ich dazu in gewissem Sinne berechtigt, denn ich habe die Gewißheit, Frau d'Aiglemont retten und dem Leben und dem Glück zurückgeben zu können. Es ist wenig natürlich, daß ein Mann meines Ranges Arzt sei, allein der Zufall hat es so gefügt, daß ich Medizin studiert habe. Ich leide so sehr an der Langeweile,«
fuhr er fort und er heuchelte einen kalten Egoismus, der seinen Zwecken dienen sollte, »und es ist mir daher eine angenehme Zerstreuung, meine Zeit und meine Reisen dem Wohle eines leidenden Wesens zu widmen. Das tu ich lieber, als blödem Zeitvertreib nachzujagen. Krankheiten dieser Art finden selten Heilung, weil sie zuviel Sorgfalt, zuviel Geduld und Muße erfordern; vor allem gehört dazu Geld, man muß reisen können und aufs peinlichste die Vorschriften befolgen, die jeden Tag anders lauten und doch nichts Unangenehmes haben. Wir sind zwei Kavaliere,« fuhr er fort, und gab diesem Worte die Bedeutung des englischen Ausdrucks »Gentlemen«, »und können uns verständigen. Ich erkläre Ihnen, daß Sie jeden Augenblick Richter meines Verhaltens sein sollen, sobald Sie meinen Vorschlag annehmen. Ich werde nichts unternehmen, ohne Sie zu Rate gezogen zu haben. Sie sollen alles überwachen, und ich bürge für den Erfolg, wenn Sie willens sind, sich nach meinen Angaben zu richten, das heißt vor allem,« flüsterte er ihm ins Ohr, »lange Zeit nicht der Gatte der Frau d'Aiglemont zu sein.«
»Das steht fest, Mylord,« sagte der Marquis lachend, »nur ein Engländer kann mir einen so bizarren Vorschlag machen. Gestatten Sie mir, ihn weder zurückzuweisen noch anzunehmen. Ich werde es mir überlegen. Vor allem muß er meiner Frau unterbreitet werden.«
In diesem Augenblick war Julie wieder am Piano erschienen. Sie sang das Lied der Semiramis: »Son regina, son guerriera.« Einmütiger Beifall – aber gedämpft, wie er eben im Viertel der vornehmen Welt gezollt wird – bekundete die Begeisterung, die sie entzündet hatte.
Als d'Aiglemont seine Frau nach Hause führte, erkannte
sie, halb mit Unruhe, halb mit Freude den raschen Erfolg ihrer Versuche. Ihr Gatte, aufgerüttelt durch die Rolle, die sie gespielt hatte, machte ihr ein paar Komplimente, schlug dabei aber den Ton an, den er einer Schauspielerin gegenüber angewendet haben würde. Julie fand es spaßhaft, als tugendhafte, verheiratete Frau so behandelt zu werden; sie wollte mit ihrer Macht nur spielen, und ihre Herzensgüte ließ sie daher in diesem ersten Kampfe noch einmal unterliegen – allein es war die furchtbarste aller Lehren, die das Schicksal ihr erteilte.
Gegen zwei oder drei Uhr morgens saß Julie in düsterer, träumerischer Stimmung, aufrecht im ehelichen Bett; eine Lampe verbreitete ein ungewisses Licht in dem Zimmer, die tiefste Stille herrschte; und seit etwa einer Stunde vergoß die Marquise, der peinigendsten Reue preisgegeben, Tränen, deren Bitterkeit niemand nachfühlen kann als eine Frau vielleicht, die sich in der gleichen Lage befunden hat. Es gehört die Seele Juliens dazu, um wie sie das Entsetzen einer berechneten Liebkosung zu fühlen, um im selben Maße wie sie von einem kalten Kuß verletzt zu sein. Nach einer solchen schmerzlichen Erniedrigung war ihr Herz zu endgültiger Abtrünnigkeit gelangt – das letzte Fädchen ihrer Ehe war gerissen. Sie verachtete sich selbst, sie verwünschte die Heirat, sie wäre am liebsten tot gewesen, und wenn ihre Tochter nicht geschrien hätte, würde sie sich vielleicht zum Fenster hinaus aufs Straßenpflaster geworfen haben.
Herr d'Aiglemont schlief friedlich an ihrer Seite – die heißen Tränen, die seine Frau auf ihn fallen ließ, weckten ihn nicht auf.
Am andern Tage gelang es Julien wieder, sich fröhlich zu stellen. Sie fand die Kraft, glücklich zu erscheinen