und, wenn auch nicht ihre Melancholie, so doch einen unüberwindlichen Abscheu zu verbergen. Von diesem Tage an betrachtete sie sich nicht mehr als untadelhafte Frau. Hatte sie sich nicht selbst belogen? War sie von nun an nicht der Heuchelei fähig, und konnte sie nicht später in den ehebrecherischen Handlungen einen erstaunlichen Scharfsinn entfalten? Ihre Ehe war die Ursache dieser Perversität a priori, die vorderhand noch unausgeübt blieb. Indessen hatte sie sich schon die Frage vorgelegt, warum sie sich einem Manne, der sie liebte und den sie liebte, versagen solle, da sie sich doch gegen ihr Herz und gegen die Stimme der Natur einem Ehemanne hingegeben hatte, den sie nicht mehr liebte.

Alle Fehltritte und vielleicht auch alle Verbrechen haben zur Grundlage einen schlechten Gedankengang oder ein Übermaß an Egoismus. Wenn die Gesellschaft bestehen soll, so muß jeder einzelne die individuellen Opfer bringen, die die Gesetze erfordern, das heißt, den Trieb seiner Natur dem Gesetz gemäß eindämmen. Wenn man die Vorteile der Gesellschaft mitgenießt, hat man auch die Verpflichtung, die Bedingungen innezuhalten, die die Grundfesten der Gesellschaft bilden. Die Unglücklichen, die kein Brot haben und doch das Eigentum achten müssen, sind nicht minder zu beklagen, als die Frauen, die in ihrem Sehnen und in der Zartheit ihrer Natur verletzt sind.

Einige Tage nach dieser Szene, deren Geheimnis in dem ehelichen Bett begraben blieb, stellte d'Aiglemont seiner Frau Lord Grenville vor. Julie empfing Arthur mit kalter Höflichkeit, die ihrer Verstellungskunst Ehre machte. Sie legte ihrem Herzen Schweigen auf, hängte einen Schleier vor ihren Blick, gab ihrer Stimme Festigkeit

und vermochte so noch Herrin ihrer Zukunft zu bleiben. Nachdem sie durch diese Mittel, die den Frauen sozusagen angeboren sind, die ganze Tiefe der Liebe erkannt hatte, die sie eingeflößt, lächelte Frau d'Aiglemont zu der Hoffnung auf baldige Genesung, und widersetzte sich nicht mehr dem Willen ihres Mannes, der sie mit Gewalt dazu zu bewegen suchte, sich bei dem jungen Doktor in die Kur zu geben. Dennoch wollte sie sich Lord Grenville nicht eher anvertrauen, als bis sie seine Worte und Manieren genau erforscht hatte und überzeugt sein konnte, daß er den Edelmut besitzen würde, schweigend zu leiden. Sie hatte die absoluteste Macht über ihn und mißbrauchte sie bereits – doch war sie nicht Weib? – – – –

Montcontour war eine alte Burg und lag auf einem der gelblichen Felsen, an deren Fuß die Loire vorbeifließt – unweit jener Stelle, wo im Jahre 1814 Julie einmal Halt gemacht hatte. Es ist eins der kleinen Schlösser der Touraine, weiß, zierlich, mit Schnitzwerk an den Türmchen und verschnörkelt wie flandrische Spitzen – eins der prunkvollen Miniaturschlösser, die sich mit ihren Maulbeeranlagen, ihren Weinbergen, ihren Felsengängen, ihren langen, durchbrochenen Balustraden, ihren Höhlen im Gestein, ihren Mänteln von Efeu und ihren steilen Hängen im Flusse spiegeln. Die Dächer von Montcontour flimmern im Sonnenlicht – alles glänzt dort. Tausend Anklänge an Spanien erfüllen diese entzückende Behausung mit Poesie; Goldginster und Glockenblumen teilen ihren Wohlgeruch dem Winde mit; die Luft weht liebkosend, die Erde lächelt überall, und überall umhüllt süßer Zauber die Seele, stimmt sie träge, verliebt, weich und wiegt sie in Schlummer. Diese schöne, milde Gegend unterdrückt allen Schmerz und erweckt alle Leidenschaft.

Unter diesem reinen Himmel, angesichts dieser schimmernden Gewässer bleibt niemand kalt. Hier erstirbt aller Ehrgeiz, man sinkt einem stillen Glück in den Schoß, wie allabendlich die Sonne in ihrem eigenen Bett von Purpur und Azur versinkt.

An einem milden Abend des Monats August im Jahre 1821 schritten zwei Personen auf den steinigen Wegen dahin, die die Felsen durchschneiden, auf denen das Schloß liegt, und stiegen zu den Höhen hinauf, um ohne Zweifel die vielfältigen Aussichtspunkte zu bewundern, die man dort entdeckt.

Diese beiden Menschen waren Julie und Lord Grenville; aber Julie schien eine ganz neue Frau zu sein. Die Marquise hatte die frische Farbe der Gesundheit. Ihre von üppiger Kraft belebten Augen schimmerten durch einen feuchten Schleier, ähnlich jenem zarten Naß, das den Augen von Kindern unwiderstehlichen Reiz gibt. Sie lächelte zwanglos, sie war glücklich zu leben und verstand nun, was Leben heißt. An der Art, wie sie ihre kleinen Füße hob, war leicht zu sehen, daß kein Leiden mehr wie ehemals ihre geringsten Bewegungen schwerfällig, ihre Blicke, ihre Worte und ihre Gebärden müde und leblos machte.

Unter dem Schirm von weißer Seide, der sie vor den heißen Strahlen der Sonne schützte, glich sie einer Jungverheirateten im Brautschleier, einer Jungfrau, die bereit war, sich dem Zauber der Liebe zu überlassen.

Arthur führte sie mit der Sorgfalt eines Liebenden, geleitete sie, wie ein Wärter ein Kind leitet, wies ihr den besten Weg, räumte die Steine vor ihren Tritten fort, zeigte ihr eine Stelle, wo eine Aussicht sich öffnete, oder führte sie vor eine Blume – immer bewogen von einer unermüdlichen Güte, einer zärtlichen Absicht, einer tiefen