»Sie werden es vor Gott bezeugen,« sagte der Marquis, sich an Frau de Wimphen wendend, »ein königlicher Befehl mußte mich erst abrufen, damit ich einmal diese flüchtige Gunst erlange. Und das heißt bei meiner Frau Liebe. So weit hat sie mich gebracht – ich weiß nicht, durch welche Kunstgriffe … Viel Vergnügen!«
Und er ging hinaus.
»Aber dein armer Mann ist wirklich ganz nett,« rief Luise, als die beiden Frauen allein waren. »Er liebt dich.«
»O, sprich keine Silbe mehr nach diesem letzten Wort. Der Name, den ich trage, ist mir ein Greuel.«
»Aber Victor gehorcht dir doch aufs Wort,« sagte Luise.
»Sein Gehorsam,« antwortete Julie, »beruht zum Teil auf der hohen Achtung, die ich ihm eingeflößt habe. Ich bin eine sehr tugendhafte Frau, im Sinne des Gesetzes. Ich mache ihm seine Behausung angenehm, ich drücke, was seine Liebeshändel anbetrifft, ein Auge zu, ich mache keine Schulden auf sein Vermögen, er kann seine Zinsen nach Belieben verprassen; meine Sorge ist nur darauf gerichtet, daß das Kapital unangetastet bleibt. Zu diesen Bedingungen habe ich den Frieden. Mein Leben kann er sich nicht erklären, oder er will sich's nicht erklären. Aber wenn ich in dieser Weise meinen Gatten am Gängelbande habe, so muß ich deswegen doch die Wirkungen seines Charakters fürchten. Ich bin wie ein Bärenführer, der beständig Angst hat, daß eines Tages der Maulkorb reißen könnte. Wenn Victor sich einmal für berechtigt hielte, mich nicht mehr zu achten, so wage ich mir gar
nicht auszumalen, was geschehen könnte; denn er ist jähzornig – voll Eigenliebe – und vor allem sehr eitel. Sein Geist ist nicht zart und fein genug, um in einer heiklen Angelegenheit sich klug zu verhalten, sobald seine schlimmen Leidenschaften dabei im Spiele sind – er ist von schwachem Charakter und würde mich vorsätzlich kränken, um morgen vor Gram zu sterben. Ein solches Verhängnis wäre freilich ein Glück – aber es ist eigentlich leider nicht zu befürchten.«
Ein Weilchen schwiegen die beiden Freundinnen – ihre Gedanken galten den geheimen Ursachen dieser Lage.
»Der Gehorsam gegen meine Wünsche ist sogar bis zur Grausamkeit getrieben worden,« fuhr Julie fort, einen verständnisinnigen Blick auf Luise richtend. »Und doch hatte ich ihm nicht verboten, an mich zu schreiben. Ach ja! Er hat mich vergessen, und er hatte recht. Es wäre ein zu großes Unheil gewesen, wenn auch sein Lebensschiff hätte zerschellen müssen. Ist's nicht an dem meinen genug? Glaubst du, meine Liebe, ich lese die englischen Zeitungen, in der einzigen Hoffnung, seinen Namen gedruckt zu finden. Nun, er ist noch nicht im Oberhaus erschienen.«
»Also kannst du Englisch?«