Eine junge Frau, die in Paris wegen ihrer Schönheit und ihres Geistes gefeiert worden war, deren Vermögen mit ihrer Berühmtheit in Einklang stand, ließ sich zum großen Erstaunen des etwa eine Meile von Saint-Lange gelegenen Dörfchens gegen Ende des Jahres 1820 hier häuslich nieder. Die Pächter und die Bauern hatten seit undenklichen Zeiten niemals mehr eine Herrschaft auf dem Schlosse gesehen. Das Land, obwohl von beträchtlicher
Ergiebigkeit, war der Obhut eines Verwalters überlassen und wurde von alten Dienern besorgt.
Die Ankunft der Frau Marquise versetzte daher die ganze Gegend in Aufregung. Mehrere Personen hatten sich am Ende des Dorfes im Hofe einer dürftigen Herberge aufgestellt, die am Schnittpunkt der Straßen von Nemours und Moret lag. Hier sahen sie eine Kalesche vorüberkommen, die ziemlich langsam fuhr, denn die Marquise war von Paris her zu Wagen gekommen. Auf dem Vordersitz hielt die Kammerfrau ein kleines Mädchen, das mehr nachdenklich als vergnügt schien. Die Mutter ruhte im Fond des Wagens, wie eine Kranke, die von den Ärzten aufs Land geschickt wird. Das tieftraurige Gesicht dieser jungen, zarten Frau befriedigte die Dorfpolitiker gar nicht; denn sie hatten aus ihrer Ankunft in Saint-Lange die Hoffnung geschöpft, daß es in der Gemeinde nun »ein Leben« werden würde. Gewiß war Leben und Treiben dieser sichtlich von Schmerzen befallenen Frau durchaus zuwider.
Der klügste Kopf von Saint-Lange erklärte am Abend in der Schenke, und zwar in der Stube, wo der Stammtisch der Honoratioren sich befand, nach dem Ausdruck von Trauer zu schließen, den das Gesicht der Frau Marquise unverkennbar zur Schau trüge, müsse sie eine ruinierte Frau sein. In Abwesenheit des Herrn Marquis, von dem die Zeitungen berichtet hatten, er müsse den Herzog von Angoulème nach Spanien begleiten, wolle sie nun jedenfalls aus Saint-Lange die erforderlichen Summen herauswirtschaften, um die infolge falscher Börsenspekulationen entstandenen Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen. Der Marquis sei einer der tollsten Spieler. Vielleicht sollte das Land parzellenweise verkauft werden.
Da könnte man dann noch »seinen Schnitt« machen. Jeder sollte nur dran denken, seine Taler zu zählen, sie aus der Schatulle nehmen und alle Mittel zusammenholen, um sein Teilchen einzuheimsen, wenn Saint-Lange losgeschlagen würde.
Diese Zukunft erschien so rosig, daß alle Honoratioren vor Neugierde entbrannten, zu erfahren, ob die Sache sich wirklich so verhielte. Sie sannen nun auf Mittel, von den Schloßleuten die Wahrheit zu erforschen; aber von diesen konnte niemand etwas Genaueres über die Katastrophe sagen, die ihre Herrin zu Beginn des Winters auf ihr altes Schloß Saint-Lange führte, wo sie doch andere Ländereien besaß, die wegen ihrer anmutigen Lage und schönen Gärten berühmt waren. Der Herr Bürgermeister kam, um der gnädigen Frau seine Huldigung darzubringen, aber er wurde nicht vorgelassen. Nach dem Bürgermeister versuchte es der Verwalter – doch mit dem gleichen Mißerfolg.
Die Frau Marquise verließ ihr Zimmer nur, um es herrichten zu lassen, und blieb während dieser Zeit in einem kleinen anstoßenden Salon, wo sie speiste, wenn man ihre Art zu essen so nennen konnte; denn sie setzte sich nur an den Tisch, betrachtete die Gerichte mit Widerwillen und nahm genau nur so viel zu sich, wie sie brauchte, um nicht Hungers zu sterben. Dann kehrte sie sogleich zu dem antiken Lehnstuhl zurück, in dem sie vom Morgen an in der Nische des einzigen Fensters saß, das dem Zimmer Licht spendete. Sie sah ihre Tochter nur während der wenigen Augenblicke, die sie sich zu ihrem traurigen Mahle vergönnte, und auch dann schien sie sie nur mit Mühe um sich zu dulden. Mußten es nicht unerhörte Schmerzen sein, die bei einer jungen Frau das mütterliche Fühlen
unterdrücken konnten? Von ihren Leuten erhielt niemand Zutritt zu ihr. Ihre Kammerfrau war die einzige Person, von der sie sich gern bedienen ließ. Sie verlangte völlige Ruhe im ganzen Schlosse, selbst ihre Tochter mußte weitab von ihr spielen. Es war ihr so schwer, auch nur das geringste Geräusch zu ertragen, daß jede menschliche Stimme, selbst die ihres Kindes, sie unangenehm berührte. Die Landleute beschäftigten sich erst viel mit den Eigentümlichkeiten der »Gnädigen«, doch als alle möglichen Mutmaßungen erschöpft waren, dachten weder die Dörfchen der Umgebung noch die Bauern mehr an die kranke Frau.
Die Marquise, sich selbst überlassen, konnte sich nun ganz ihrer Schweigsamkeit hingeben, inmitten der Stille, die sie um sich her geschaffen hatte. Sie hatte keine Veranlassung, das mit Tapeten überspannte Zimmer zu verlassen, darin ihre Großmutter gestorben war und wohin sie nun gekommen war, um einen sanften Tod zu erleiden, ohne Zeugen, ohne Störungen, ohne falsches Beileid egoistischer Menschen, das in den Städten die Todesqual des Sterbenden verdoppelt.
Diese Frau war sechsundzwanzig Jahre alt. In diesem Alter kostet eine noch von poetischen Illusionen erfüllte Seele gern den Tod, wenn er ihr als Wohltat erscheint. Aber der Tod ist gegen junge Leute kokett. Er kommt heran und geht wieder, zeigt sich und versteckt sich. Seine Langsamkeit nimmt ihm in ihren Augen allen Zauber, und die Ungewißheit, ob sie morgen noch leben werden, treibt sie schließlich wieder in die Welt, wo sie dem Schmerz wieder begegnen werden, der unerbittlicher ist als der Tod und seine Geißel über ihnen schwingt, ohne auf sich warten zu lassen.