Die Frau, die sich also vom Leben abschloß, sollte denn auch in ihrer Einsamkeit alle Bitternis dieser vergeblichen Todessehnsucht kennen lernen – sie sollte in einer moralischen Agonie, der der Tod kein Ende machte, eine furchtbare Lehrzeit des Egoismus durchmachen, die die Blume ihres Herzens ganz entblättern und es für die Gesellschaft tauglich machen sollte.

Diese grausame, traurige Lehre ist immer die Frucht unserer ersten Schmerzen. Es war das erste und vielleicht das einzige Mal in ihrem Leben, daß die Marquise wahrhaft litt. Sollte es nicht in der Tat ein Irrtum sein, zu glauben, die Gefühle entständen immer aufs neue? Sind sie nicht, einmal erschlossen, auf die Dauer im Grunde unseres Herzens vorhanden? Dort schlummern sie ein oder werden wach, wie es die Zufälle des Lebens mit sich bringen; aber sie bleiben, und ihr Vorhandensein gibt notwendigerweise der Seele Form. So kann jedes Gefühl nur einen Haupttag haben – den mehr oder minder langen Tag seines ersten Sturmes. So kann der Schmerz, das beständigste unserer Gefühle, nur wenn er uns zum erstenmal befällt, heftig sein, und seine andern Angriffe müssen immer schwächer werden, teils deshalb, weil wir uns an sein Wiederkommen gewöhnen, teils infolge eines Naturgesetzes. Die Natur nämlich, um sich lebend zu erhalten, setzt dieser zerstörenden Kraft eine gleich große, sehr zähe Kraft entgegen, die aus den Berechnungen der Ichsucht entspringt.

Aber welchem von allen Leiden gebührt nun eigentlich der Name »Schmerz?« Der Verlust der Eltern ist ein Kummer, auf den die Natur die Menschen vorbereitet hat; das physische Weh ist vorübergehend und reicht nicht an die Seele; und wenn es andauert, so hört es auf, ein

Weh zu sein, und wird zum Tode. Wenn eine junge Frau ein neugeborenes Kind verliert, so wird die eheliche Liebe ihr bald einen Nachfolger bescheren. Dieser Kummer ist also auch vorübergehend. Gewiß sind diese Leiden und viele ähnliche in gewissem Sinne Schläge, Wunden; aber keines berührt die Lebensfähigkeit in ihrem Kern, und sie müßten in unnatürlicher Raschheit aufeinander folgen, sollten sie das Gefühl ertöten, das uns treibt, dem Glück nachzugehen.

Der große, wahre Schmerz ist also ein so mörderisches Leiden, daß es zu gleicher Zeit die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft befällt, keinen Teil des Lebens unversehrt läßt, das Denken auf ewig aus den Fugen bringt, seinen Namenszug unauslöschlich auf die Lippen und die Stirn schreibt, die Quellen der Freude zuschüttet und in die Seele einen grundsätzlichen Ekel einpflanzt, der uns dann alles und jedes auf dieser Welt verleidet. Um unermeßlich zu sein, um in dieser Weise auf Seele und Leib zu lasten, muß dieses Leid uns in einem Augenblick des Lebens ereilen, wo alle Kräfte der Seele und des Leibes noch jung sind, muß er ein Herz in voller Lebenskraft zerschmettern. Dann macht das Leid eine breite Wunde; groß ist der Schmerz, und kein Wesen kann aus dieser Krankheit ohne irgendeine poetische Veränderung hervorgehen. Entweder nimmt es den Weg gen Himmel, oder wenn es hienieden bleibt, so kehrt es in die Welt zurück, um die Welt zu belügen, ihr Komödie vorzuspielen. Es kennt nun die Kulisse, die man betritt, um mit Berechnung zu weinen, zu scherzen. Nach dieser feierlichen Krise gibt es keine Geheimnisse mehr im Gesellschaftsleben, über das man sich von da ab ein unwiderrufliches Urteil gebildet hat.

Bei den jungen Frauen im Alter der Marquise wird dieser erste, einschneidendste aller Schmerzen immer durch das gleiche Geschehnis verursacht. Die Frau, und vor allem die junge Frau, die ebenso groß an Seele wie an Schönheit ist, wird jederzeit dort ihr Leben einsetzen, wohin Natur, Gesellschaft oder Neigung sie stellen – und sie wird ihr Leben ganz einsetzen. Wenn dieses Einsetzen ein Fehlschlag ist, ohne daß sie das Leben dabei verliert, so empfindet sie die grausamsten Schmerzen, weil ja eben die erste Liebe das schönste aller Gefühle ist.

Warum hat dieses Unglück noch keinen Maler oder Poeten gefunden? Aber kann es gemalt, kann es besungen werden? Nein, die Natur der Schmerzen, die es erregt, entzieht sich der Analyse und den Farben der Kunst. Und dann sind diese Schmerzen auch noch nie offenbart und mitgeteilt worden. Wenn man ein Weib darin trösten will, muß man sie erraten; denn immer werden sie mit bitterer Wonne gehegt und fromm genährt, und sie bleiben am Grunde der Seele – wie eine Lawine, die in ein Tal gestürzt ist, alles vor sich her niederwirft, um sich Platz darin zu schaffen.

Die Marquise litt jetzt an diesen Schmerzen, die lange Zeit ungekannt bleiben werden, weil alles auf der Welt sie verwünscht, während das Gefühl sie hegt und pflegt und das Gewissen eines echten Weibes sich immer das Recht zuspricht, sie zu hegen. Es verhält sich mit diesen Schmerzen, wie mit unrettbar aus dem Leben ausgestoßenen Kindern, an denen das Herz der Mutter dennoch inniger hängt als an den glücklicher begabten Kindern. Noch nie vielleicht war diese Katastrophe, die uns für alles Leben der Außenwelt ganz unzugänglich macht,

so heftig, so vollständig, so grausam vergrößert durch die Verhältnisse, wie im Falle der Marquise.

Ein geliebter, junger edelsinniger Mann, dessen Wünsche sie nie befriedigt hatte, um nicht gegen die Gesetze der Welt zu verstoßen, war gestorben, um ihr das zu retten, was die Gesellschaft die »weibliche Ehre« nennt. Wem konnte sie nun gestehen: »Ich leide!« Ihre Tränen hätten ihren Mann beleidigt, die erste Ursache der Katastrophe. Die Gesetze, die Sitten verboten ihr die Klage; eine Freundin hätte sich daran geweidet, ein Mann darauf spekuliert. Nein, die arme Trauernde konnte nur in einer Wüste nach Herzenslust weinen, ihre Leiden aufsaugen oder von ihnen verzehrt werden, selbst sterben oder etwas in sich töten, vielleicht ihr Gewissen.