Seit einigen Tagen heftete sie die Augen beständig auf einen flachen Horizont, wo es, wie in ihrem zukünftigen Leben, nichts zu suchen, nichts zu hoffen gab, wo alles auf einen Blick zu übersehen war und wo sie die Abbilder der kalten Verödung erblickte, die ihr unaufhörlich das Herz zerriß. Die nebeligen Vormittage, ein Himmel von matter Helligkeit, dicht über der Erde hinziehende Wolken – das entsprach den Phasen ihrer seelischen Krankheit.

Ihr Herz war nicht gebrochen und auch nicht mehr oder weniger abgestorben; nein, unter der langsamen Einwirkung eines unerträglichen Schmerzes – unerträglich, weil er zwecklos war – wurde ihre frische, blühende Natur zu Stein. Sie litt durch sich und für sich. Heißt also leiden nicht schon mit einem Fuß im Egoismus stehen? So zogen denn auch furchtbare Gedanken durch ihr Gewissen und verletzten es. Sie prüfte sich selbst ehrlich und

fand eine Doppelnatur in sich. Sie hatte in sich ein Weib, das nicht mehr dulden wollte.

Sie versetzte sich zurück in die Freuden ihrer Kindheit, deren Glückseligkeit sie kaum empfunden hatte und deren klare Bilder nun in Menge auftauchten, wie um ihr die Schuld an dem Trugwerk einer in den Augen der Welt anständigen, in Wahrheit entsetzlichen Ehe beizumessen. Daß sie in ihrer Jugend von zarter Schamhaftigkeit gewesen, daß sie sich in der Sinnenlust Zwang auferlegt, daß sie der Welt dennoch Opfer gebracht hatte – welchen Gewinn hatte sie nun davon gehabt? Obwohl alles in ihr von Liebe sprach und Liebe erwartete, fragte sie sich doch, wozu jetzt die Harmonie ihrer Bewegungen, ihr Lächeln und ihre Anmut noch da seien. Sie fühlte sich nicht mehr gern frisch und üppig, wie man etwa einen zwecklos wiederholten Ton nicht gern hat. Ihre Schönheit selbst war ihr unerträglich, wie ein nutzloser Gegenstand. Sie sah mit Entsetzen voraus, daß sie in Zukunft nicht mehr ein in sich vollendetes Wesen sein könnte. Hatte ihr inneres Ich nicht die Fähigkeit eingebüßt, die Eindrücke mit jener köstlichen Unschuld aufzunehmen, die dem Leben so viel keusche Freude verleiht? In Zukunft mußten die meisten Eindrücke in ihr, kaum aufgenommen, auch schon wieder verwischt sein, und viele von denen, die sie einstmals ergriffen hätten, würden ihr dann gleichgültig werden.

Nach der Kindheit des Leibes kommt die Kindheit des Herzens. Ihr Geliebter hatte diese zweite Kindheit mit in sein Grab genommen. An Begierden noch jung, hatte sie doch nicht mehr die völlige Jugend der Seele, die allem im Leben ihren Wert und ihre Würze mitteilt. Mußte sie nicht den Grundsatz, traurig zu sein, und allem

zu mißtrauen, im Herzen behalten – einen Hang, der ihren Regungen den frischen Schwung, den hinreißenden Zauber rauben mußte? Denn nichts konnte ihr mehr das Glück geben, das sie erhofft, das sie sich so schön erträumt hatte.

Ihre ersten, echten Tränen löschten das himmlische Feuer aus, das die ersten Regungen des Herzens bestrahlt, und sie mußte immer daran kranken, nicht zu sein, was sie hätte sein können. Aus diesem Glauben muß der bittere Ekel hervorgehen, der dazu führt, daß man sich abwendet, wenn eine neue Freude sich zeigt. Sie beurteilte jetzt das Leben wie ein Greis, der bereit ist, es zu verlassen. Obgleich sie sich jung fühlte, lastete die Masse ihrer freudlosen Tage schwer auf ihrer Seele, drückte sie nieder und machte sie vor der Zeit alt. Mit einem Schrei der Verzweiflung fragte sie die Welt, was sie ihr zum Ersatz für die Liebe gäbe, die ihr das Leben erhalten und die sie verloren hatte. Sie fragte sich, ob in ihrer erloschenen, so keuschen und reinen Liebe der Gedanke nicht noch verbrecherischer gewesen sei, als die Tat es hätte sein können. Es war ihr ein Genuß, sich als schuldig hinzustellen, um der Welt Trotz zu bieten und sich dafür zu trösten, daß die Welt nicht ebenso wie sie jene vollkommene Seelengemeinschaft beweinte, die den Schmerz der Hinterbliebenen lindert, weil sie in ihr der Zuversicht sein kann, das Glück nicht nur ganz genossen, sondern auch voll gespendet zu haben und in sich ein treues Bild des Verblichenen zu bewahren.

Sie war unzufrieden wie eine Schauspielerin, die mit ihrer Rolle durchgefallen ist, denn dieser Schmerz griff alle Fibern, Herz und Kopf an. War ihre Natur in ihren intimsten Wünschen verletzt, so war damit ihre

Eitelkeit nicht minder verwundet wie die Gutherzigkeit, die allein eine Frau zu einem Opfer bewegen kann.

Dadurch, daß sie alle Fragen verwarf, alle Hebel der verschiedenen Stellungen in Bewegung setzte, die uns die verschiedenen Naturen, die soziale, moralische und physische anweisen, erschlaffte sie die seelischen Kräfte so sehr, daß sie sich in den widersprechendsten Betrachtungen verirrte und auf keinen Ausweg mehr kam.