Daher öffnete sie manchmal, wenn der Nebel fiel, ihr Fenster und blieb gedankenlos davor stehen. Mechanisch atmete sie den feuchten, erdigen Geruch ein, der in der Luft verbreitet war. Sie stand regungslos da – wie eine Irrsinnige – denn die Wirrnis ihres Schmerzes machte sie gegen die Harmonie in der Natur wie für die Wonne des Denkens in gleichem Maße stumpf.
Eines Tages, gegen Mittag – die Sonne hatte gerade heiteres Wetter geschaffen – trat die Kammerfrau, ohne befohlen zu sein, herein und sagte zu ihr:
»Da kommt nun zum vierten Male der Herr Pfarrer und will die Frau Marquise sprechen, und er besteht heute so fest entschlossen darauf, daß wir nicht mehr wissen, was wir ihm antworten sollen.«
»Er will ohne Zweifel etwas Geld für die Armen der Gemeinde, nehmen Sie fünfhundert Louis und bringen Sie sie ihm in meinem Namen.«
»Gnädige Frau,« sagte die Dienerin, einen Augenblick später zurückkommend, »der Herr Pfarrer will das Geld nicht nehmen und wünscht, Sie zu sprechen.«
»So mag er kommen!« antwortete die Marquise, mit einer Gebärde des Unwillens, die dem Priester einen traurigen Empfang verkündete. Sie wollte sich ohne
Zweifel durch eine kurze, offene Erklärung gegen seine weiteren Zudringlichkeiten schützen.
Die Marquise hatte ihre Mutter in sehr jungen Jahren verloren, und die Lockerung, die während der Revolution die religiösen Bande in Frankreich erfuhren, hatte naturgemäß auch auf ihre Erziehung Einfluß gehabt. Die Frommheit ist eine frauliche Tugend, die Frauen allein aufeinander übertragen, und die Marquise war ein Kind des 18. Jahrhunderts, zu dessen philosophischem Glauben ihr Vater sich bekannt hatte. Sie nahm keine religiösen Übungen vor. Für sie war ein Priester ein öffentlicher Beamter, dessen Nützlichkeit ihr anfechtbar erschien. In ihrer Lage konnte die Stimme der Religion ihre Leiden nur noch verbittern; und dann glaubte sie auch überhaupt nicht an Dorfpfaffen, ebensowenig wie an deren Erleuchtungen; sie beschloß daher, den ihren auf seinen Platz zu verweisen, in aller Ruhe und Freundlichkeit. Nach Art der Reichen, gedachte sie sich seiner durch eine Wohltat zu entledigen.
Der Pfarrer kam, und sein Aussehen war nicht geeignet, der Marquise andere Begriffe einzuflößen. Sie sah einen dicken, kleinen Mann mit vorspringendem Bauch, rotem, doch altem und runzligem Gesicht, der zu lächeln versuchte, doch nur schlecht damit zustande kam. Sein kahler, von zahlreichen Querfalten gefurchter Schädel war so weit, daß man einen Viertelkreis davon übersehen konnte, nach vornüber geneigt, was sein Gesicht noch kleiner erscheinen ließ. Den untern Teil des Kopfes überm Nacken rahmten ein paar weiße Haare ein, deren man auch vorn an den Ohren noch einige sah. Nichtsdestoweniger war die Physiognomie dieses Priesters die eines von Natur vergnügten Menschen gewesen. Seine
dicken Lippen, seine leicht aufgeworfene Nase, sein in Doppelfalten verschwindendes Kinn bekundeten einen glücklichen Charakter.