Die Marquise bemerkte zuerst nur die Hauptzüge, aber bei dem ersten Wort, das der Priester zu ihr sprach, war sie überrascht, eine so sanfte Stimme zu hören; sie sah ihn aufmerksamer an und bemerkte unter seinen grau werdenden Brauen Augen, die geweint hatten. Der Umriß seiner Wange, von der Seite gesehen, verlieh seinem Haupte einen so erhabenen Ausdruck des Schmerzes, daß die Marquise in diesem Pfarrer »einen Menschen« erkannte.

»Frau Marquise, die Reichen gehören nur dann zu uns, wenn sie leiden; und die Leiden einer verheirateten, jungen, schönen und reichen Frau, die weder Kinder noch Angehörige verloren hat, lassen sich erraten und werden durch Wunden verursacht, deren Zuckungen nur durch die Religion gelindert werden können. Ihre Seele ist in Gefahr, gnädige Frau. Ich spreche zu Ihnen in diesem Augenblick nicht von dem andern Leben, das unser harrt. Nein, ich bin hier nicht im Beichtstuhl. Aber gehört es nicht auch zu meiner Pflicht, Sie über die Zukunft Ihres gesellschaftlichen Lebens aufzuklären? Sie werden also einem Greise verzeihen, wenn er zudringlich war – es geschieht nur Ihres Glückes wegen.«

»Das Glück, mein Herr, ist für mich nicht mehr da. Ich werde bald zu Ihnen gehören, wie Sie sich ausdrücken, und zwar für immer.«

»Nein, gnädige Frau, an dem Schmerz, der Sie bedrückt und sich in Ihren Zügen ausspricht, werden Sie nicht sterben. Wenn Sie daran hätten sterben sollen, so würden Sie nicht in Saint-Lange sein. Wir gehen an

den Wirkungen eines gewissen Kummers nie so leicht zugrunde wie an betrogenen Hoffnungen. Ich habe weit unerträglichere, weit schrecklichere Schmerzen kennen gelernt, die doch nicht zum Tode geführt haben.«

Die Marquise machte eine Gebärde des Zweifels.

»Gnädige Frau, ich kenne einen Mann, dessen Unglück so groß war, daß Ihre Schmerzen Ihnen unbedeutend erscheinen würden, wenn Sie sie mit den seinen verglichen …«

Ob nun die lange Einsamkeit ihr schon lästig wurde, ob sie durch die Aussicht, einem Freundesherzen ihre schmerzlichen Gedanken anvertrauen zu können, angenehm berührt wurde, jedenfalls betrachtete sie den Pfarrer mit einer fragenden Miene, die dieser unmöglich mißdeuten konnte.

»Gnädige Frau,« fuhr der Priester fort, »dieser Mann war ein Vater, dem von einst zahlreicher Familie nur drei Kinder geblieben waren. Er hatte nacheinander die Eltern verloren, dann eine Tochter und eine Frau. Er blieb allein, tief in der Provinz, auf einem kleinen Gute, wo er lange Zeit glücklich gewesen war. Seine drei Söhne waren beim Heer, und jeder hatte einen seiner Dienstzeit entsprechenden Rang erlangt. In den hundert Tagen kam der älteste zur Garde und wurde Oberst; der zweite war Bataillonschef bei der Artillerie, und der jüngste hatte den Rang eines Hauptmanns bei den Dragonern. Gnädige Frau, diese drei Jungen liebten ihren Vater ebenso innig, wie sie von ihm geliebt wurden. Wenn Sie die Sorglosigkeit junger Leute kennen, die ihren Liebhabereien leben und niemals Zeit haben, sich den Eltern zu widmen, werden Sie aus einem einzigen Umstand die Innigkeit ersehen, mit der sie an dem armen,

einsamen Alten hingen, der nun nur noch für sie und durch sie lebte. Es verging keine Woche, wo er nicht von einem seiner Kinder einen Brief erhalten hätte. Aber er hatte auch nie einen von ihnen vorgezogen, was stets den Respekt der Kinder vermindert, noch war er ungerecht und streng gewesen. Kurz und gut, er fuhr nach Paris, um ihnen vor ihrer Abreise nach Belgien Lebewohl zu sagen. Sie waren nun abgereist, der Vater kehrte heim. Der Krieg begann, er bekam Briefe aus Fleurus, aus Ligny, alles ging gut. Die Schlacht bei Waterloo wurde geschlagen – Sie kennen das Ergebnis. Ganz Frankreich wurde mit einem Schlage in Trauer versetzt. Alle Familien waren in größter Sorge. Er wartete, gnädige Frau, Sie können sich das denken; er hatte nicht Rast, nicht Ruhe. Er las die Zeitungen und ging alle Tage selbst zur Post. Eines Tages meldete man ihm den Diener seines Sohnes, des Obersten. Er sieht diesen Mann auf dem Pferde seines Herrn sitzen, da brauchte er keine Frage erst zu stellen: der Oberst war tot – von einer Kanonenkugel mitten durchgerissen. Gegen Abend kommt zu Fuß der Diener des jüngsten an; der jüngste war am Tage nach der Schlacht gestorben. Endlich, gegen Mitternacht, kommt ein Artillerist und meldet ihm den Tod des letzten Kindes, auf dessen Haupt nun in so kurzer Zeit dieser arme Vater sein ganzes Leben gesetzt hatte. Ja, gnädige Frau, sie waren alle gefallen!«