Am übernächsten Tage kam er denn auch, und der

Empfang, den die Marquise ihm bereitete, ließ erkennen, daß sein Besuch erwünscht war.

»Nun, Frau Marquise,« sagte der Greis, »haben Sie ein wenig über die Menge menschlicher Leiden nachgedacht? Haben Sie die Augen gen Himmel erhoben? Haben Sie die Unermeßlichkeit von Welten gesehen, die uns in unserm Dünkel so klein macht, unsern eiteln Stolz zerdrückt und unser Weh verringert …?«

»Nein, Herr Pfarrer,« sagte sie, »die gesellschaftlichen Gesetze lasten mir zu schwer auf dem Herzen und zerreißen es mir zu schmerzlich, als daß ich mich zum Himmel aufschwingen könnte. Aber die Gesetze sind vielleicht nicht so grausam, wie die Sitten der Gesellschaft. O, die Gesellschaft!«

»Wir müssen sowohl den Gesetzen wie den Sitten gehorchen, Gnädige. Das Gesetz bildet die Losung der Gesellschaft, die Sitten regeln ihre Handlungen.«

»Sich der Gesellschaft fügen?« versetzte die Marquise mit einer unwillkürlichen Gebärde des Schmerzes. »Herr Pfarrer, das ist ja eben die Quelle aller unserer Leiden. Gott hat nicht ein einziges Gesetz des Unglücks geschaffen; aber die Menschen taten sich zusammen und haben ihm ins Handwerk gepfuscht. Wir, wir Frauen, erleiden durch die Zivilisation mehr Mißhandlungen, als durch die Natur. Die Natur legt uns physische Schmerzen auf, die ihr Männer uns nicht erleichtert, und die Zivilisation hat Gefühle entwickelt, die ihr fortwährend verletzt. Die Natur läßt die schwachen Wesen eingehen, aber die Zivilisation verurteilt sie zum Leben und überliefert sie andauerndem Unglück. Die Ehe, eine Einrichtung, auf der heute die Gesellschaft beruht, bürdet die Lasten, die sie mit sich bringt, ganz allein uns auf. Für den Mann die Freiheit,

für die Frau Pflichten. Wir müssen euch unser ganzes Leben weihen, ihr uns nur vereinzelte Augenblicke. Und dann trifft der Mann nur eine Wahl, wo wir uns blind unterwerfen. O, Herr Pfarrer, Ihnen kann ich alles sagen. Nun denn, die Ehe, wenigstens wie sie sich heute gestaltet hat, scheint mir nur eine gesetzlich erlaubte Prostitution zu sein. Und daraus sind meine Leiden entstanden. Aber ich allein unter den unglücklichen, so schrecklich verkuppelten Geschöpfen, muß schweigen! Ich bin ja allein die Urheberin meines Elends, ich habe meine Ehe gewollt!«

Sie hielt inne, vergoß bittere Tränen und schwieg.

»In diesen Untiefen des Jammers, in diesem Ozean des Schmerzes,« fuhr sie fort, »habe ich eine Sandbank gefunden, auf die ich den Fuß setzte, wo ich in Ruhe leiden konnte: ein Orkan hat alles hinweggerissen. Nun bin ich allein, ohne Stütze, zu schwach gegen die Stürme.«

»Wir sind nie schwach, wenn Gott mit uns ist,« sagte der Priester. »Und wenn Sie übrigens hienieden keine Liebe mehr zu befriedigen haben, haben Sie dann nicht doch noch Pflichten zu erfüllen?«