»Herr Pfarrer,« sagte fast ehrfurchtsvoll die Marquise, »und wenn ich nicht sterbe, was wird dann aus mir werden?«
»Gnädige, haben Sie nicht ein Kind?«
»Ja,« sagte sie kalt.
Der Pfarrer warf auf die Frau einen Blick, wie etwa ein Arzt auf einen Kranken, der in Gefahr schwebt, und beschloß, alles, was in seinen Kräften stände, zu versuchen,
um sie dem Geist des Bösen streitig zu machen, der schon die Hand nach ihr ausstreckte.
»Sie sehen, Gnädige, wir müssen mit unsern Schmerzen am Leben bleiben, und die Religion allein bietet uns wahren Trost. Erlauben Sie mir, wiederzukommen – hören Sie noch öfter die Stimme eines Mannes, der mit allen Schmerzen mitzufühlen weiß, und im Grunde, wie ich doch glaube, nichts allzu Abschreckendes an sich hat.«
»Ja, Herr Pfarrer, kommen Sie. Ich danke Ihnen, daß Sie an mich gedacht haben.«
»Gut, Gnädige, auf baldiges Wiedersehen!«
Dieser Besuch löste sozusagen die Spannung in der Seele der Marquise, deren Kräfte durch Gram und Einsamkeit schon zu sehr aufgerieben waren. Der Priester ließ in ihrem Herzen einen Balsam und den heilsamen Widerhall seiner frommen Worte zurück. Sie empfand nun jene Beruhigung, die den Gefangenen erquickt, wenn er die Tiefe seiner Einsamkeit und die Schwere seiner Ketten erkannt hat und nun plötzlich durch ein Klopfen an der Mauer erfährt, daß er einen Nachbarn hat, der durch diesen Ton mit ihm in Gedankenaustausch tritt. Sie hatte unverhofft einen Vertrauten gefunden.
Aber sie versank bald wieder in ihre finsteren Betrachtungen und sagte sich, wie der Gefangene, ein Leidensgefährte könne weder die Fesseln noch die Schrecken der Zukunft erleichtern. Der Pfarrer hatte sie bei seinem ersten Besuch in ihrem ganz egoistischen Schmerz nicht gleich kopfscheu machen wollen; aber er hoffte, daß es seiner Kunst gelingen werde, in einer zweiten Unterredung sie um einige Schritte weiter der Religion zuzuführen.