»Sie wird einmal sehr schön werden,« meinte der Priester.

»Sie ist ganz ihr Vater,« antwortete die Marquise und küßte ihr Kind mit Ungestüm, wie um eine Schuld abzutragen oder einen Vorwurf, den sie sich selbst machte, zu beschwichtigen.

»Dir ist heiß, Mama.«

»Geh', laß uns allein, mein Engel,« antwortete die Marquise.

Das Kind ging ohne Kummer, ohne einen Blick auf die Mutter; es schien fast froh zu sein, ein so trauriges Gesicht zu fliehen, und begriff schon, daß die Gefühle, die sich darin ausdrückten, ihr abhold waren. Das Lächeln ist das Handgeld, die Sprache, der Ausdruck der Mütterlichkeit. Die Marquise konnte nicht lächeln. Sie errötete, als sie den Priester ansah: sie hatte sich als Mutter zeigen wollen, doch weder sie noch ihr Kind hatten lügen können. Ja, die Küsse einer aufrichtigen Frau haben einen göttlichen Honig, der dieser Liebkosung eine Seele, ein zartes Feuer zu verleihen scheint, das zu Herzen dringt. Die Küsse, denen diese Würze und Weihe fehlt, sind herb und trocken. Der Priester hatte diesen Unterschied empfunden, konnte den Abgrund ermessen, der zwischen der Mütterlichkeit

des Fleisches und der Mütterlichkeit des Herzens liegt. Nachdem er daher auf diese Frau einen durchdringenden Blick geworfen hatte, sprach er zu ihr:

»Sie haben recht, Gnädige, es wäre für Sie besser, Sie wären tot …«

»Ach, Sie verstehen meine Leiden, ich sehe es,« antwortete sie, »weil Sie als christlicher Priester die unseligen Entschlüsse, die der Jammer mir eingab, erraten und gutheißen. Jawohl, ich habe mir selbst den Tod geben wollen. Aber es hat mir an dem nötigen Mut gefehlt, meinen Plan auszuführen. Mein Körper ist feige gewesen, wenn meine Seele stark war – und wenn meine Hand nicht zitterte, hat wieder meine Seele geschwankt. Das Geheimnis dieser Kämpfe, dieser wechselnden Stärke und Schwäche ist mir unbekannt. Ich bin ohne Zweifel eben Weib und als solches kläglicherweise ohne Ausdauer im Wollen, stark nur zum Lieben. Ich verachte mich selbst. Am Abend, als meine Leute schliefen, ging ich mutig zu dem kleinen Teich. Am Rande angelangt, entsetzte meine feige Seele sich vor der Vernichtung. Ich bekenne meine Schwächen. Als ich im Bett lag, schämte ich mich vor mir selbst und wurde wieder mutig. In einem dieser Augenblicke habe ich Laudanum genommen – aber ich hatte nur Schmerzen, gestorben bin ich nicht. Ich hatte geglaubt, den ganzen Inhalt des Fläschchens zu trinken, und habe schon bei der Hälfte aufgehört.«

»Sie sind verloren, gnädige Frau,« sagte der Priester ernst und mit tränenvoller Stimme. »Sie werden in die Welt zurückkehren und die Welt betrügen. Sie werden dort das suchen und finden, was Sie als Entschädigung für Ihre Unbilden ansehen. Eines Tages werden Sie

dann die Strafe für Ihre Wollust …«