»Ich,« rief sie, »ich sollte hingehen und dem ersten besten Schurken, der die Komödie einer Liebe zu spielen verstände, die letzten kostbaren Reichtümer meines Herzens preisgeben und mein Leben um einen Augenblick zweifelhaften Glücks zugrunde richten? Nein! meine Seele wird sich an einer reinen Flamme verzehren. Herr Pfarrer, die Männer haben alle die Sinne ihres Geschlechts; aber den Mann, der auch Seele hat und so alle Forderungen unserer Natur befriedigt, dessen melodische Harmonie sich nur unter dem Druck wahrer Gefühle verrät, diesen Mann trifft man nicht zweimal im Leben. Meine Zukunft ist furchtbar, ich weiß es: ohne Liebe ist das Weib nichts, ohne Wollust ist die Schönheit nichts; aber würde die Welt nicht mein Glück verdammen, wenn es sich mir noch einmal böte? Ich bin meiner Tochter eine ehrbare Mutter schuldig. Ach, ich bin in einen eisernen Ring gesteckt, von dem ich mich nicht ohne Schimpf freimachen kann. Die Pflichten der Familie ohne Gegenlohn zu erfüllen, wird mir zum Überdruß; ich werde das Leben verwünschen; aber meine Tochter wird wenigstens ein schönes Scheinbild von einer Mutter haben. Zum Ersatz für den Schatz an Liebe, den ich ihr versagt habe, werde ich ihr einen Schatz an Tugend spenden. Um der Freuden willen, die sonst den Müttern das Glück ihrer Kinder bereitet, liegt mir ja auch gar nichts am Leben. Ich glaube nicht an Glück. Was wird Helenens Los sein? Ohne Zweifel das meine. Welche Mittel haben die Mütter, ihren Töchtern die Gewißheit zu geben, daß der Mann, dem sie sie überliefern, ein Ehegatte nach ihrem Herzen sein wird. Ihr verachtet arme Geschöpfe, die sich für ein paar Taler einem Vorübergehenden verkaufen: der Hunger und die Notdurft erteilen diesen Eintagsverbindungen
die Absolution. Aber die dauernde Verbindung duldet, ja fordert die Gesellschaft, und doch ist diese Verbindung etwa zwischen einem jungen keuschen Mädchen und einem Manne, den sie kaum drei Monate lang kennt, noch weit entsetzlicher; denn dieses Mädchen ist für sein ganzes Leben verkauft. Es ist wahr, der Preis ist weit höher. Wenn ihr sie wenigstens ehrtet, da ihr ihnen einmal doch keine Entschädigung für ihre Schmerzen zubilligt! aber nein, die Welt verleumdet gerade die tugendhaftesten unter uns. Dies ist unser Schicksal, von seinen zwei Seiten betrachtet: entweder eine öffentliche Prostitution und die Schande – oder eine heimliche Prostitution und das Unglück. Was gar die armen Mädchen ohne Mitgift anbetrifft – die werden verrückt und sterben. Mit ihnen hat niemand Mitleid. Die Schönheit, die Tugenden sind keine Werte auf euerm Menschenmarkt, und diesen Tummelplatz des Egoismus nennt man Gesellschaft. So laßt die Töchter doch nicht mehr erben! Dann werdet ihr wenigstens ein Naturgesetz erfüllen, und die Männer werden ihre Gefährtinnen nach der Stimme ihres Herzens wählen und heiraten.«
»Gnädige Frau, Ihre Reden beweisen mir, daß Sie weder Familiensinn noch religiösen Sinn haben. Sie werden daher auch nicht zwischen dem gesellschaftlichen Egoismus, der Sie verletzt, und dem Egoismus des Individuums, der Sie mit dem Verlangen nach Genüssen erfüllt, schwanken –«
»Familie, Herr Pfarrer! Gibt es denn das? Ich verneine die Familie in einer Gesellschaft, die beim Tode des Vaters und der Mutter die Habe verteilt und jeden seines Weges gehen heißt. Die Familie ist eine zeitliche und zufällige Vereinigung, die der Tod sofort löst. Unsere
Gesetze haben die Geschlechter, die Erbschaften, die Fortdauer der Vorbilder und Traditionen zerstört. Ich sehe nichts als Schutt um mich her.«
»Meine Gnädige, Sie werden nicht eher zu Gott zurückkehren, als bis seine Hand schwer auf Sie fallen wird, und ich wünsche Ihnen, daß Sie Zeit genug haben mögen, Ihren Frieden mit ihm zu machen. Sie suchen Ihren Trost, indem Sie den Blick zur Erde senken, statt ihn zum Himmel erheben. Der Hang zu trügerischem Philosophieren und das persönliche Interesse haben Ihr Herz überfallen; Sie sind taub gegen die Stimme der Religion, wie es die Kinder dieses Jahrhunderts ohne Glauben eben sind. Die Freuden der Welt erzeugen nichts als Leid. Sie werden mit den Schmerzen nur wechseln – weiter nichts.«
»Ich werde Ihre Prophezeiung Lügen strafen,« sagte sie mit bitterm Lächeln, »ich werde dem treu bleiben, der für mich gestorben ist.«
»Der Schmerz,« erwiderte er, »ist nur in den von der Religion bereiteten Seelen lebensfähig.«
Sie senkte ehrerbietig die Augen, um die Zweifel nicht sehen zu lassen, die sich in ihrem Blick hätten verraten können. Die Energie der Klagen, die die Marquise angestimmt, hatte ihn tieftraurig gemacht. Da er das menschliche Ich in seinen tausend Gestalten kannte, verzweifelte er daran, auf dieses Herz besänftigend einzuwirken, das das Leid zur Wüste statt zum weichen Boden gemacht hatte und in dem das Samenkorn des himmlischen Sämanns nicht entkeimen konnte, da sein sanftes Wort darin von dem lauten, schrecklichen Geschrei der Ichsucht erstickt wurde.
Nichtsdestoweniger entfaltete er die Ausdauer des