auch das läppische Treiben einer oberflächlichen Galanterie zu leer für eine starke Seele. Wir erheben ja alle hohe Ansprüche auf Seelenstärke. In Frankreich ist kein Mensch, sei er auch mittelmäßig, damit einverstanden, bloß für geistreich zu gelten. So hatte auch Karl trotz seiner Jugend – er war kaum dreißig Jahre alt – schon die philosophische Gewohnheit angenommen, Begriffe, Ergebnisse, Absichten ins Auge zu fassen, wo Männer seines Alters nur Gefühle, Freuden, Hirngespinste sehen. Er drängte die Wärme und Überschwenglichkeit, die jungen Leuten natürlich ist, in die Tiefen seiner von Natur edelmütigen Seele zurück. Er strebte danach, einen kalt berechnenden Menschen aus sich zu machen, die moralischen Reichtümer, die der Zufall ihm in die Hände gegeben hatte, zu Manieren, liebenswürdigen Formen, verführerischen Kunstgriffen umzuwandeln: die echte Methode des Ehrgeizigen. Dieses traurige Spiel wird in der Regel nur zu dem Zwecke unternommen, um das zu erlangen, was wir heutzutage »eine schöne Position« nennen.

Er warf einen letzten Blick auf die Säle, wo getanzt wurde. Bevor er den Ball verließ, wollte er ohne Zweifel noch ein Bild davon mit hinwegnehmen, wie ein Zuschauer die Loge in der Oper nicht verläßt, ohne das Schlußbild anzuschauen. Es war ja auch eine leicht verständliche Laune, daß Herr de Vandenesse nun dieses echt französische Treiben, den Prunk und die lachenden Gesichter dieses Pariser Festes betrachtete. Er stellte es im Geist neben die neuen Erscheinungen, die malerischen Szenen, die in Neapel seiner harrten, wo er einige Tage zu verbringen vorhatte, ehe er sich auf seinen Posten begeben wollte.

Er schien das wechselvolle und doch so bald ausstudierte

Frankreich mit dem Lande zu vergleichen, dessen Sitten und Gebräuche ihm nur aus widersprechenden Urteilen oder aus zum größten Teil schlecht gemachten Büchern bekannt waren. Einige ziemlich poetische, aber heute recht alltäglich gewordene Betrachtungen gingen ihm da durch den Kopf und entsprachen – vielleicht ohne daß er sich dessen bewußt war – den geheimen Wünschen seines Herzens. Denn das war im Grunde nicht blasiert, sondern stellte noch immer seine Anforderungen – es war nicht abgestumpft, sondern eigentlich nur unbetätigt.

»Das sind,« sagte er zu sich selbst, »die elegantesten, die reichsten Frauen von Paris, mit den höchsten Titeln. Hier sind die Berühmtheiten des Tages, die Größen vom Parlament, aus der Aristokratie und aus der Literatur. Dort Künstler, hier Staatsmänner. Und doch sehe ich nur kleinliche Intrigen, totgeborene Liebschaften, nichtssagendes Lächeln, grundlosen Dünkel, erloschene Blicke, viel Geist, der aber zwecklos verschwendet wird. Alle diese weißen und rosigen Gesichter suchen weniger die Freude als die Zerstreuung. Keine Regung ist wahr. Wer weiter nichts haben will als hübsch angeordneten Putz, frische Spitzen, hübsche Toiletten, überzarte Weiber, wem das Leben nichts weiter ist als eine Fläche, über die er flüchtig hinstreifen will, für den ist das hier die richtige Welt. Dann muß man sich eben mit diesen inhaltslosen Phrasen, mit diesen entzückenden Fratzen begnügen – Gefühl im Herzen darf man nicht verlangen. Ich meines Teils hege einen Abscheu vor diesen platten Intrigen, deren Ende immer eine Heirat, eine Unterpräfektur, eine Generalpächterstelle ist, und wenn sich's um Liebe handelt, so sind heimliche Abmachungen das Ende – so ist jeder Anschein von Leidenschaften verpönt. Unter diesen beredten Gesichtern

verrät nicht ein einziges eine Seele, die einen Begriff wie etwa die Reue kennt. Hier verbirgt sich der Kummer oder das Unglück ängstlich unter allerlei Scherzen. Unter diesen Frauen bemerke ich keine, mit der ich gern ringen würde, von der ich mich in einen Abgrund hineinreißen lassen könnte. Wo in Paris ist Energie zu finden? Ein Dolch ist eine Kuriosität, die man an einem vergoldeten Nagel aufhängt, zu der man ein hübsches Futteral machen läßt. Weiber, Gedanken, Gefühle, alles ist sich gleich. Es gibt keine Leidenschaften mehr, weil die Individualitäten verschwunden sind. Rang, Geist und Vermögen sind gleichgemacht worden, und wir haben uns alle in den schwarzen Frack geworfen, um das tote Frankreich zu betrauern. Menschen, die uns gleichen, lieben wir aber nicht. Zwischen zweien, die sich lieben sollen, müssen Verschiedenheiten auszugleichen, Zwischenräume auszufüllen sein. Dieser Reiz der Liebe ist 1789 verschwunden. Unser Überdruß, unsere faden Sitten sind das Ergebnis des politischen Systems. In Italien wenigstens ist das alles anders. Dort sind die Weiber noch bösartige Tiere, gefährliche Sirenen ohne Vernunft, ihre Lüste, ihre Begierden sind ihre einzige Logik. Man muß sich vor ihnen in acht nehmen wie vor Tigern.«

Frau Firmiani unterbrach ihn in diesem Selbstgespräch, dessen tausend widerspruchsvolle, unvollendete, verworrene Gedanken sich nicht wiedergeben lassen. Das Gute an einer Träumerei liegt durchaus in ihrer Unklarheit – ist sie nicht eine Art intellektuellen Nebels?

»Ich will,« sagte sie zu ihm und nahm seinen Arm, »Sie einer Frau vorstellen, die nach allem, was sie von Ihnen gehört hat, Sie unbedingt kennen zu lernen wünscht.«

Sie führte ihn in einen Salon nebenan, wo sie mit einem Wink, einem Lächeln und einem Blick von echt pariserischer Art auf eine in der Kaminecke sitzende Dame zeigte.

»Wer ist das?« fragte Graf de Vandenesse lebhaft.