Die Marquise, jetzt dreißig Jahre alt, war schön, wenn auch von schwächlichen Formen und übergroßer Zartheit. Ihr größter Reiz lag in einer Physiognomie, deren starre Ruhe eine erstaunliche Tiefe der Seele verriet. Ihr glänzendes Auge, das jedoch von beständigem Sinnen verschleiert zu sein schien, zeugte von einem Leben im Fieber und von der größten Resignation. Ihre fast stets keusch zu Boden gesenkten Lider schlugen sich selten auf. Wenn sie Blicke um sich warf, so gingen die Augen langsam und traurig – und man hätte sagen können, sie sparten ihr Feuer für Beobachtungen im verborgenen auf.

Daher fühlte sich auch jeder Mann höherer Art seltsam zu dieser sanften, schweigsamen Frau hingezogen. Wenn der Geist das Rätsel ihres beständigen Schwankens zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, zwischen der Gesellschaft und ihrer Einsamkeit zu erraten suchte, so war die Seele nicht weniger begierig, die Geheimnisse eines gewissermaßen auf seine Leiden stolzen Herzens zu ergründen. Und dann strafte nichts an ihr den Eindruck, den sie zuerst machte, späterhin Lügen.

Wie fast alle Frauen, die sehr langes Haar haben, war sie blaß, ja vollkommen weiß. Ihre Haut, die von wunderbarer Zartheit war – ein selten trügendes Zeichen – deutete auf echtes Feingefühl. Die Natur will, daß dies sich schon äußerlich kundtue, und zwar fast immer in Zügen von so wunderbarer Vollendung, wie sie die chinesischen Maler ihren phantastischen Figuren verleihen. Ihr Hals war vielleicht ein wenig lang; aber ein Hals von dieser Art ist der anmutigste und gibt den Frauenköpfen eine unbestimmte Ähnlichkeit mit den magnetischen, wellenartigen Bewegungen der Schlangen. Gäbe es nicht ein einziges von den tausend Kennzeichen, durch die sich dem Beobachter die heuchlerischsten Charaktere verraten, so würde es ihm zur Beurteilung einer Frau genügen, die Gebärden ihres Kopfes und die so verschiedenen, so ausdrucksvollen Biegungen des Halses aufmerksam zu verfolgen.

Bei Frau d'Aiglemont war die Kleidung im Einklang mit dem Tiefsinn, der ihre Person beherrschte. Ihre breiten Haarflechten bildeten über dem Kopfe eine hohe Krone, an der keinerlei Schmuck angebracht war; denn sie schien für immer allem Putz und Zierat abgesagt zu haben.

Auch entdeckte man an ihr niemals die kleinlichen Kunstgriffe der Koketterie, durch die sich so viele Frauen unliebsam bemerkbar machen. Nur ihr Leibchen, so bescheiden es auch war, ließ doch ein wenig die eleganten Formen ihrer Taille erkennen. Und dann war ihr langes Kleid von außergewöhnlich vornehmem Schnitt. Das war sein einziger Luxus. Wenn man in der Anordnung eines Stoffes Ideen suchen darf, so hätte man sagen können, die zahlreichen, schlichten Falten ihrer Robe verliehen ihr ein Gepräge hohen Adels. Nichtsdestoweniger verriet sie vielleicht die untilgbaren Weiberschwächen in der peinlichen Sorgfalt, die sie ihrer Hand und ihrem Fuß widmete; aber wenn sie sie mit gewissem Vergnügen zeigte, so wäre es doch selbst der boshaftesten Nebenbuhlerin schwer gewesen, diese Bewegungen affektiert zu finden; sie schienen eben ganz unwillkürlich und aus kindlichen Gewohnheiten hervorzugehen.

Eine graziöse Gleichgültigkeit ließ über diesen Rest von Gefallsucht hinwegsehen. Die Menge von einzelnen Zügen, die Gesamtheit von unbedeutenden Umständen, die eine Frau häßlich oder hübsch, abstoßend oder liebenswürdig machen, können bei Frauen, wie Madame d'Aiglemont, nur flüchtig angedeutet sein; denn bei ihnen ist die Seele das Bindeglied aller Einzelheiten, denen sie eine köstliche Einstimmigkeit aufdrückt. So entsprach denn auch ihre Haltung vollkommen dem Charakter ihres Gesichts und ihrer Kleidung. In einem gewissen Alter verstehen es gewisse auserlesene Frauen, in ihre Haltung eine Sprache zu legen. Ist es das Leid, ist es das Glück, das der Frau von dreißig Jahren, der glücklichen oder der unglücklichen, das Geheimnis dieser beredten Haltung offenbart? Das wird immer ein lebendes Rätsel sein,

das jeder nach seinen Wünschen und Hoffnungen oder nach seiner Methode auslegt.

Die Art, wie die Marquise beide Ellenbogen auf die Lehnen ihres Sessels stützte und die Fingerspitzen beider Hände aufeinanderstellte, als wolle sie damit spielen, die Biegung ihres Halses, das Gehenlassen ihres müden, doch geschmeidigen Körpers, der wie zerschlagen in dem Fauteuil ruhte, die Lässigkeit ihrer Beine, die Ungezwungenheit ihrer Lage, ihre trägen, schwermütigen Bewegungen – das alles verriet in ihr eine Frau, die kein Interesse mehr am Leben, die die Freuden der Liebe gar nicht kennen gelernt, sondern nur erträumt hat, und die schwer an der Bürde leidvoller Erinnerungen trägt, eine Frau, die seit langem an der Zukunft oder an sich selbst verzweifelt, eine Frau, die nichts zu tun hat und in der Leere schon das Nichts erblickt.

Karl de Vandenesse bewunderte dieses prächtige »Tableau«, doch sah er darin nur eine geschicktere Mache, als gewöhnliche Frauen herausbringen. Er kannte d'Aiglemont. Beim ersten Blick auf seine Frau, die er noch nicht gesehen hatte, durchschaute nun der junge Diplomat Mißverhältnisse, unausweichliche Verschiedenheiten – um diesen legalen Ausdruck zu gebrauchen – die zwischen den beiden Personen eine so starke Scheidewand aufzurichten schienen, daß diese Frau unmöglich diesen Mann lieben konnte. Dennoch führte Frau d'Aiglemont ein untadelhaftes Leben, und gerade ihre Tugend verlieh all den Rätseln, die ein Menschenkenner an ihr entdecken mochte, noch einen höheren Wert. Als Vandenesse die erste Regung des Erstaunens überwunden hatte, sann er nach, wie er sich wohl am besten Frau d'Aiglemont nähern könne, und er beschloß, einen ziemlich alltäglichen Kunstgriff

der Diplomatie anzuwenden und sie in Verlegenheit zu bringen, um auf diese Weise zu erfahren, wie sie eine Albernheit aufnehmen würde.