»Gnädige Frau,« sagte er und setzte sich einfach neben sie, »eine Indiskretion, die ich mit Freuden begrüße, hat mir verraten, daß ich – ich weiß nicht, auf welche Vorzüge hin – das Glück genieße, von Ihnen mit Interesse betrachtet zu werden. Ich bin Ihnen um so mehr Dank schuldig, als ich bisher noch nie der Gegenstand einer solchen Gunst gewesen bin. Sie werden daher daran schuld sein, wenn ich mir nun einen neuen Fehler zulege. Ich werde hinfort nicht mehr bescheiden sein.«

»Daran werden Sie unrecht tun, mein Herr,« sagte sie lachend. »Die Eitelkeit muß man denen überlassen, die sonst nichts weiter aufzuweisen haben.«

Zwischen dem jungen Manne und der Marquise entspann sich ein Gespräch, und sie streiften, wie es Brauch ist, in einem Augenblick eine ganze Menge von Gegenständen: Malerei, Musik, Literatur, Politik, Gesellschaft, Ereignisse und Dinge. Dann kamen sie durch einen unmerklichen Übergang auf das ewige Thema der Plaudereien in Frankreich und in andern Ländern, auf die Liebe, auf die Gefühle und die Frauen.

»Wir sind Sklavinnen.«

»Sie sind Königinnen.«

Die mehr oder minder geistreichen Phrasen Karls und der Marquise lassen sich in diesem einfachen Ausdruck zusammenfassen; denn das ist die Form für alle gegenwärtigen und künftigen Gespräche über diesen Gegenstand. Werden diese beiden Phrasen nicht zu einer bestimmten Stunde nicht immer wieder die schärfere Bedeutung haben: »Lieben Sie mich!« – »Ich werde Sie lieben!«

»Gnädige Frau,« rief Karl de Vandenesse, »Sie sorgen noch dafür, daß ich mit lebhaftem Bedauern Paris verlasse. Ich werde gewiß in Italien nicht wieder so geistreiche Stunden genießen können, wie diese eine jetzt gewesen ist.«

»Dafür werden Sie vielleicht dem Glück begegnen, mein Herr, und das ist mehr wert als alle die glänzendsten Gedanken, die an jedem Abend in Paris ausgesprochen werden, mögen sie nun echt oder falsch sein.«

Ehe Karl die Marquise verließ, erhielt er von ihr die Erlaubnis, ihr einen Abschiedsbesuch zu machen. Er schätzte sich sehr glücklich, daß er diese Bitte in der Form der Aufrichtigkeit vorgetragen hatte; denn am Abend, als er sich zu Bett legte, und noch am andern Morgen, ja den ganzen Tag über, wurde er den Gedanken an diese Frau nicht mehr los. Bald fragte er sich, warum die Marquise sich für ihn interessiere; was ihre Absichten sein mochten, daß sie ihn wiederzusehen wünschte; und er war unermüdlich, alle möglichen Erklärungen dafür zu suchen. Bald glaubte er auch, die Beweggründe dieser Neugierde zu erkennen; er berauschte sich an Hoffnung oder sah alles wieder sehr kühl an, je nach der Auslegung, mit der er diesen Höflichkeitswunsch erklärte, der in Paris ja so alltäglich ist. Bald war es alles, bald war es nichts.

Schließlich wollte er dem Verlangen, das ihn zur Frau d'Aiglemont zog, widerstehen; aber er ging dennoch hin. Es gibt Gedanken, denen wir gehorchen, ohne sie selbst zu kennen: sie sind, uns unbewußt, in uns. Obwohl diese Betrachtung mehr paradox als wahr erscheinen mag, wird doch jeder ehrliche Mensch in seinem Leben tausend Beweise dafür finden. Als Karl sich zur Marquise begab, gehorchte er einem solchen Gedanken des Unbewußtseins,