und was unser Geist später daraus macht, ist nichts weiter als die vorherbestimmte, im Keim gelegene Entwicklung.

Eine Frau von dreißig Jahren hat unwiderstehliche Reize für einen jungen Mann. Es gibt nichts Natürlicheres, nichts stärker Verschlungenes, nichts besser Vorbereitetes, als die tiefe Liebe zwischen einer Frau wie die Marquise und einem Manne wie Vandenesse – eine Liebe, für die es in der Welt unendlich viele Beispiele gibt. Ein junges Mädchen hat zu viele Illusionen, ist zu unerfahren, der Geschlechtstrieb ist noch zu sehr mit ihrer Liebe verwoben, als daß ein junger Mann sich geschmeichelt fühlen könnte, von ihr geliebt zu sein; während eine Frau die ganze Tragweite der Opfer kennt, die darzubringen sind. Da, wo die eine sich von der Neugierde, von einer Lockung, die mit Liebe nichts gemein hat, hinreißen läßt, gehorcht die andere einem Gefühl, über das sie sich vollkommen klar ist. Ist eine solche Wahl nicht etwas höchst Schmeichelhaftes? Die erfahrene Frau, die mit einem fast immer mit Leid und Unglück teuer bezahlten Wissen gewappnet ist, scheint mehr zu geben als sich selbst; während das junge unwissende und leichtgläubige Mädchen nichts weiß und daher auch keinen Vergleich anstellen, Wert und Unwert nicht abschätzen kann; es nimmt die Liebe hin und widmet sich erst ihrem Studium. Die eine belehrt uns, gibt uns Ratschläge und hat das Alter, wo man sich gern leiten läßt, wo Gehorchen ein Vergnügen ist; die andere will erst alles lernen und zeigt sich naiv, wo jene zärtlich ist. Diese gewährt dir nur einen einzigen Triumph, jene aber nötigt dich zu beständigem Kampf. Die erstere hat nur Tränen und Freuden; die letztere hat die Wollust und die Reue. Wenn ein junges Mädchen sich zur Mätresse hergeben soll, muß sie schon verdorben sein, und dann

verläßt man sie mit Abscheu. Eine Frau dagegen hat tausend Mittel, zugleich ihre Macht und ihre Würde zu bewahren. Die eine unterwirft sich uns zu sehr, und man kann sich ihr in öder Sorglosigkeit hingeben; die andere aber setzt zu viel aufs Spiel und fordert daher tausend Metamorphosen der Liebe. Die eine entehrt nur sich allein, die andere tötet um deinetwillen eine ganze Familie. Das junge Mädchen besitzt nur eine einzige Koketterie und glaubt alles gesagt zu haben, wenn sie ihr Kleid hat fallen lassen; aber die Koketterien einer Frau sind unzählig, und sie verbirgt sich unter tausend Schleiern; schließlich schmeichelt sie allen Eitelkeiten, und die Unerfahrene schmeichelt nur einer.

Ferner werden bei einer Frau von dreißig Jahren Unentschlossenheit, Entsetzen, Befürchtungen, Sorgen und Stürme entfesselt, die es in der Liebe eines jungen Mädchens niemals gibt. Wenn eine Frau in diesem Alter steht, verlangt sie von einem jungen Manne, daß er ihr die Achtung wiederherstelle, die sie ihm geopfert hat; sie lebt nur für ihn, beschäftigt sich mit seiner Zukunft, will ihm ein schönes, ein glänzendes Leben bereiten; sie gehorcht, sie bittet und gebietet, läßt sich herab und erhebt sich und weiß bei tausend Gelegenheiten Trost zu schaffen, wo das junge Mädchen nichts kann als seufzen.

Schließlich kann außer allen Vorteilen ihrer Stellung die Frau von dreißig Jahren sich auch noch zum jungen Mädchen machen, alle Rollen spielen, schamhaft sein und sogar durch ein Unglück an Schönheit gewinnen. Zwischen beiden besteht der unermeßliche Unterschied, der zwischen dem Vorhergesehenen und dem Unvorhergesehenen besteht, zwischen der Kraft und der Schwäche. Die Frau von dreißig Jahren befriedigt alles, und das junge

Mädchen muß – sonst hört sie zu ihrer Strafe auf, ein junges Mädchen zu sein – immer unbefriedigt bleiben.

Diese Gedanken entwickeln sich im Herzen eines jungen Mannes und bilden in ihm die stärkste Leidenschaft aus; denn sie vereint die durch die Sitten künstlich geschaffenen Gefühle mit den echten Gefühlen der Natur.

Der größte und entschiedenste Schritt im Leben der Frauen ist gerade derjenige, den die Frau immer als den unbedeutendsten ansieht. Ist sie verheiratet, so gehört sie nicht mehr sich selbst, sie ist die Königin, aber auch die Sklavin des häuslichen Herdes. Die weibliche Keuschheit ist unvereinbar mit den Pflichten und Freiheiten der Welt. Die Frauen emanzipieren heißt sie verderben. Wenn man einem Fremden das Recht gewährt, in das Allerheilige des Haushalts einzutreten, gibt man sich ihm damit nicht auf Gnade und Ungnade preis? Wenn eine Frau ihn dort einführt, ist dies nicht schon ein Fehltritt oder, genau genommen, der Anfang eines Fehltritts? Man muß wohl diese Theorie in all ihrer Strenge gelten lassen oder die Leidenschaften für straflos erklären.

Bis auf den heutigen Tag hat die Gesellschaft in Frankreich einen Mittelweg einzuschlagen verstanden: sie spottet, wenn daraus Unglück entsteht. Wie die Spartaner, die nur die Ungeschicklichkeit bestraften, scheint sie den Diebstahl zuzulassen. Aber vielleicht ist dieses System sehr klug. Die allgemeine Verachtung bildet die schrecklichste aller Züchtigungen, weil sie nämlich die Frau ins Herz trifft. Die Frauen sehen darauf und müssen auch alle darauf halten, geachtet zu sein; mit der Achtung ist ihr Leben dahin. Daher ist Achtung auch das erste, was sie in der Liebe verlangen. Selbst die Verderbteste unter ihnen bedingt sich vor allem Absolution

für die Vergangenheit aus, ehe sie ihre Zukunft verkauft, und versucht ihrem Geliebten begreiflich zu machen, daß sie für unwiderstehliche Seligkeiten die Ehren daran setze, die die Welt ihr verweigern wird.