Es gibt keine Frau, die nicht, wenn sie zum erstenmal einen jungen Mann bei sich empfängt und mit ihm allein ist, einige solche Betrachtungen anstellte, vor allem, wenn dieser Mann, wie Karl de Vandenesse, hübsch oder geistreich ist. Desgleichen werden die meisten jungen Männer einige geheime Wünsche auf einen der tausend Gedanken gründen, die die ihnen angeborene Liebe zu schönen, geistreichen und unglücklichen Frauen, wie Frau d'Aiglemont war, entschuldbar erscheinen läßt.

Als daher Frau Marquise Herrn de Vandenesse melden hörte, war sie bestürzt; und er war fast befangen, trotz des sichern Auftretens, das bei den Diplomaten gewissermaßen mit zum ganzen Menschen gehört. Aber die Marquise nahm bald das leutselige, freundliche Wesen an, hinter dem die Frauen gegen die Auslegung der Eitelkeit Schutz suchen. Dieses Benehmen schließt jeden Hintergedanken aus und läßt sozusagen die Innigkeit zu, indem es sie aber durch die Formen der Höflichkeit auf den richtigen Grad bringt. Die Frauen halten sich dann, solange sie wollen, in dieser zweideutigen Lage, wie auf einem Kreuzweg, der gleichzeitig zur Achtung, zur Gleichgültigkeit, zur Befremdung oder zur Leidenschaft führt. Nur mit dreißig Jahren kann eine Frau die mancherlei Auswege in einer solchen Lage erkennen. Sie weiß da zu lachen, zu scherzen, ja zärtlich zu werden, ohne sich etwas zu vergeben. Sie besitzt dann den nötigen Takt, um bei einem Manne alle Saiten des Gefühls anzuschlagen und die Töne zu prüfen, die sie hervorruft. Ihr Schweigen

ist ebenso gefährlich wie ihre Rede. Man kann bei einer Frau in diesem Alter nie erraten, ob sie aufrichtig oder falsch ist, ob sie sich lustig macht oder ob sie es mit ihren Bekenntnissen ehrlich meint. Nachdem sie dir das Recht eingeräumt hat, mit ihr zu kämpfen, macht sie plötzlich durch ein Wort, durch einen Blick, durch eine jener Gebärden, deren Macht sie kennt, dem Kampf ein Ende, läßt dich sitzen und nimmt dein Geheimnis mit sich fort. Sie hat es nun in der Hand, dich mit einem bloßen Scherzwort zu opfern oder sich deiner ganz zu bemächtigen, sich weiter mit dir zu befassen, in gleicher Weise beschützt durch ihre eigene Schwäche und durch deine Kraft.

Obwohl die Marquise sich während des ersten Besuches auf diesen neutralen Boden stellte, wußte sie dennoch ihre Frauenwürde in hohem Grade zu bewahren. Ihre geheimen Schmerzen lagerten stets wie eine leichte Wolke, die zum Teil die Sonne verhüllt, auf ihrer erkünstelten Fröhlichkeit. Vandenesse ging, nachdem er in diesem Gespräch ungekannte Genüsse gekostet hatte; aber er blieb überzeugt, die Marquise sei eine von den Frauen, die zu erobern so große Opfer koste, daß man sich nicht unterfangen könne, sie zu lieben.

»Es würde,« sagte er im Gehen zu sich selbst, »eine Liebe sein, deren Ende nicht abzusehen ist – ein Verkehr, der selbst einen ehrgeizigen Diplomaten ermüden muß. Jedoch, wenn ich wollte …«

Dieses fatale »Wenn ich wollte!« ist beständig das Verhängnis der eigensinnigen Menschen. In Frankreich führt die Eigenliebe zur Leidenschaft.

Karl kehrte zu Frau d'Aiglemont zurück und glaubte wahrzunehmen, daß sie an seiner Unterhaltung Gefallen fände. Statt sich mit Naivität dem Glück der Liebe zu

überlassen, wollte er nun eine doppelte Rolle spielen. Er versuchte verliebt zu erscheinen und dabei kalt den Fortgang dieses Verhältnisses zu studieren, zugleich Liebender und Diplomat zu sein. Allein er war edelsinnig und jung; dieses Studium mußte ihn zu einer grenzenlosen Liebe führen; denn ob sie Verstellung übte oder sich natürlich gab, die Marquise war immer stärker als er. So oft er von Frau d'Aiglemont fortging, beharrte er bei seinem Mißtrauen und unterwarf die Situationen, durch die schrittweise seine Seele hindurch müsse, einer strengen Analyse, die seine eigentlichen Empfindungen tötete.

»Heute,« sagte er sich bei dem dritten Besuch, »hat sie mir zu verstehen gegeben, sie sei sehr unglücklich und stände ganz allein da, sie würde sich sehnlichst den Tod wünschen, wenn ihre Tochter nicht wäre. Sie hat sich in eine vollendete Resignation gehüllt. Doch ich bin weder ihr Bruder, noch ihr Beichtvater, warum hat sie mir ihren Kummer anvertraut? Sie liebt mich.«

Zwei Tage später, als er wieder ihr Haus verließ, stellte er eine Betrachtung über die modernen Sitten an.