»Die Liebe nimmt immer die Färbung des betreffenden Jahrhunderts an. Im Jahre 1822 ist sie daher doktrinär. Statt sie, wie einstmals, an Tatsachen nachzuweisen, bespricht man sie gelehrt, disputiert über sie, macht sie zu einer Dissertation. Die Frauen sind jetzt auf dreierlei Mittel verfallen. Erst stellen sie unsere Liebe in Zweifel und sprechen uns die Fähigkeit ab, ebensosehr zu lieben wie sie. Koketterie! tatsächlich herausgefordert hat die Marquise mich heute abend. Dann stellen sie sich tiefunglücklich, um unsern natürlichen Edelsinn oder unsere Eigenliebe wachzurufen. Schmeichelt es einem Manne nicht, als Tröster in einem großen Unglück aufzutreten?
Endlich haben sie noch die Manie der Jungfräulichkeit. Und sie hat wirklich glauben müssen, ich hielte sie für uneingeweiht. Mein guter Glaube in diesem Punkte kann eine ausgezeichnete Spekulation werden.«
Aber eines Tages war Karl am Ende mit seinen mißtrauischen Gedanken und fragte sich, ob die Marquise nicht doch aufrichtig sei, ob so viel Leid gespielt sein könne, und warum sie Resignation heucheln solle? Sie lebte in tiefer Einsamkeit und verzehrte sich in schweigendem Kummer, den sie kaum einmal durch den mehr oder minder gepreßten Ton eines Ausrufs verriet.
Von diesem Augenblick an hegte Karl ein lebhaftes Interesse für Frau d'Aiglemont. Aber als er zu der gewohnten Zusammenkunft ging, die ihnen beiden nun zur Notwendigkeit geworden war und für die sie infolge eines wechselseitigen Instinkts eine Stunde frei hielten, fand Vandenesse seine Geliebte noch immer mehr gewandt als wahr, und sein letztes Wort war: »Entschieden ist dieses Weib raffiniert.«
Er trat ein, fand die Marquise in ihrer Lieblingshaltung – einer Haltung voll Melancholie; sie schlug die Augen zu ihm auf, ohne sich zu bewegen, und warf ihm einen jener vollen Blicke zu, die einem Lächeln gleichen. Frau d'Aiglemont ließ Vertrauen, ja wahre Freundschaft erkennen – doch nichts von Liebe. Karl setzte sich und konnte nichts sagen. Er war ergriffen von einer jener Aufregungen, für die es keine Sprache gibt.
»Was haben Sie?« fragte sie ihn in zärtlichem Tone.
»Nichts … doch,« sagte er, »ich denke an etwas, womit Sie sich noch gar nicht beschäftigt haben.«
»Das wäre?«
»Aber der Kongreß ist ja beendet.«