Eine direkte Antwort wäre das beredteste, zarteste Geständnis gewesen; doch Karl gab sie nicht. Das Gesicht der Frau d'Aiglemont verriet eine so aufrichtige Freundschaft, daß daran alle Berechnungen der Eitelkeit, alle Hoffnungen der Liebe, aller Argwohn der Diplomatie scheiterten. Sie ahnte nicht oder schien es doch durchaus nicht zu ahnen, daß sie geliebt sei; und als Karl, ganz verwirrt, sich in Schweigen hüllte, mußte er sich gestehen, nichts gesagt und nichts getan zu haben, was sie zu diesem Glauben berechtigt hätte.
Herr de Vandenesse fand an diesem ganzen Abend die Marquise nur so, wie sie stets gewesen war, einfach und freundlich, aufrichtig in ihrem Schmerz, glücklich, einen Freund zu haben, stolz, einer Seele zu begegnen, die die ihrige verstände; darüber ging sie nicht hinaus und schien es für unmöglich zu halten, daß eine Frau sich zweimal verlieben könne; aber sie hatte die Liebe kennen gelernt und bewahrte sie noch blutend in der Tiefe ihres Herzens; sie glaubte nicht daran, daß das Glück zweimal einer Frau seinen berauschenden Trank kredenzen könne; denn sie glaubte nicht allein an den Geist, sondern an die Seele; und für sie war die Liebe an sich kein Mittel zur Verführung, gestattete aber die Entfaltung aller edlen Verführungskünste.
In diesem Augenblick wurde Karl de Vandenesse wieder junger Mann, der Glanz eines so erhabenen Charakters zwang ihn ins Joch, und er wollte in alle Geheimnisse dieses mehr durch den Zufall als durch einen Fehltritt vernichteten Lebens eingeweiht sein. Frau d'Aiglemont warf ihrem Freunde nur einen Blick zu, als sie
ihn um Aufklärung über das Übermaß von Leid bitten hörte, das ihrer Schönheit alle Harmonien der Traurigkeit verleihe; aber dieser tiefe Blick war wie das Siegel zu einem feierlichen Vertrag.
»Stellen Sie mir keine ähnlichen Fragen mehr,« sagte sie. »Vier Jahre ist's her, da starb an einem ähnlichen Tage der, der mich liebte, der einzige Mann, für dessen Glück ich alles, ja die Achtung vor mir selbst geopfert hätte – er starb, um mir die Ehre zu retten. Diese Liebe endete jung, rein und in der Fülle ihrer Illusionen. Ehe ich mich einer Leidenschaft hingab, zu der ein beispielloses Verhängnis mich trieb, ließ ich mich verführen durch das, was so viele junge Mädchen zugrunde richtet, durch einen Mann, der eine Null ist, aber ein liebenswürdiges Auftreten hat. Die Ehe entblätterte meine Hoffnungen eine nach der andern. Heute habe ich das legitime Glück und auch das Glück, das man das strafbare nennt, verloren, und das Glück an sich überhaupt nicht kennen gelernt. Es bleibt nichts mehr für mich übrig. Wenn ich nicht zu sterben verstanden habe, so muß ich zum mindesten meinen Erinnerungen treu bleiben.«
Bei diesen Worten weinte sie nicht, sie schlug die Augen nieder und verrenkte kaum merklich die Finger, die sie in ihrer gewohnten Gebärde aufeinandergesetzt hatte. Dies wurde schlicht hingesprochen, aber der Klang ihrer Stimme war der Klang einer Verzweiflung, die ebenso tief war, wie ihre Liebe zu sein schien, und raubte Karl alle Hoffnung. Dieses furchtbare Dasein, in drei Sätzen beschrieben, und durch das Ringen einer Hand erläutert, dieser starke Schmerz in einer schwachen Frau, dieser Abgrund in einem hübschen Kopfe, endlich die Schwermut
und die Tränen einer vierjährigen Trauer bezauberten Vandenesse, der schweigend und klein vor dieser großen, edlen Frau stand. Er sah nicht mehr die so erlesenen, vollendeten, materiellen Schönheiten, sondern nur die so überaus feinfühlende Seele. Endlich begegnete er hier dem idealen Wesen, das der phantastische Traum, die gewaltige Sehnsucht aller derer ist, die ihr Leben in eine einzige Leidenschaft setzen, sie mit Inbrunst suchen und oft sterben, ohne alle diese erträumten Schätze genossen zu haben.
Gegenüber solcher Sprache und solcher erhabenen Schönheit fand Karl seine Ideen eng und beschränkt. In seinem Unvermögen, seine Worte der Hoheit dieser zugleich so einfachen und so erhabenen Szene anzupassen, antwortete er mit Gemeinplätzen über das Schicksal der Frauen.
»Gnädige, man muß seine Schmerzen zu vergessen wissen oder sich ein Grab graben.«
Aber vor dem Gefühl steht die trockene Vernunft immer kläglich da, die eine ist natürlich begrenzt, wie alles Positive, und das andere ist unbegrenzt. Die Vernunft walten zu lassen, wo Gefühl hingehört, ist die Eigentümlichkeit der Seelen ohne Schwung. Vandenesse schwieg daher, betrachtete lange Frau d'Aiglemont und ging dann. Eine Beute neuer Ideen, die ihm diese Frau immer größer erscheinen ließen, glich er einem Maler, der etwa die gewöhnlichen Modelle seines Ateliers zum Typus genommen hat und nun plötzlich die Mnemosyne des Museums erblickt, die schönste und am wenigsten geschätzte Statue des Altertums.