Karl war aufs tiefste bezaubert. Er liebte Frau d'Aiglemont mit der Ehrlichkeit der Liebe, mit der Inbrunst,
die der ersten Leidenschaft eine unsagbare Anmut, eine Lauterkeit verleiht, von der der Mann, wenn er später noch einmal liebt, immer nur Bruchstücke wiederfindet: wonnevolle Leidenschaften, von den Frauen, die sie hervorgerufen haben, fast immer mit Wonne genossen, weil sie in dem schönen Alter von dreißig Jahren, dem Höhepunkt der Poesie des Frauenlebens, den Verlauf solcher Leidenschaften voll überschauen können, und ihr Blick in die Zukunft ebenso sicher ist wie der in die Vergangenheit. Die Frauen kennen dann den ganzen Wert der Liebe und erfreuen sich ihrer in der ständigen Furcht, sie zu verlieren: Ihre Seele hat dann noch all das Jugendschöne, das sie zu verlieren beginnen, und ihre Leidenschaft holt sich immer neue Kraft an der Betrachtung einer Zukunft, vor der ihnen graut.
»Ich liebe,« sagte de Vandenesse diesmal, als er die Marquise verließ, »und nun finde ich zu meinem Unglück eine Frau, die an Erinnerungen hängt. Es hält schwer, gegen einen Toten anzukämpfen, der nicht mehr da ist, der keine Dummheiten machen kann, der nie Mißfallen erregt und an dem man nur die guten Eigenschaften sieht. Soll man versuchen, den in der Erinnerung fortlebenden Zauber und die Hoffnungen zu vernichten, die einen verlorenen Geliebten überdauert haben, gerade weil er nur Wünsche erweckt hat? Ebensogut könnte man versuchen, die Vollkommenheit selbst von ihrem Throne zu stoßen. Denn sind nicht die Wünsche allein das Schönste, das Verführerischste an der ganzen Liebe?«
Diese traurige Betrachtung entsprang der Mutlosigkeit, der Furcht, keine Erfolge zu haben – ein Gefühl, mit dem alle wahren Leidenschaften beginnen. Sie war die letzte Berechnung seiner Diplomatie, die hiermit auf
diesem Gebiete ihren Geist aufgab. Von nun ab hatte er keine Hintergedanken mehr, er wurde zum Spielball seiner Liebe und verlor sich im Nichts jenes unerklärlichen Glücks, das an einem Wort, einem Schweigen, einer unklaren Hoffnung Genüge findet.
Er wollte platonisch lieben, kam alle Tage, mit Frau d'Aiglemont die gleiche Luft zu atmen, nistete sich fast in ihrem Hause ein und begleitete sie überall hin, mit der Tyrannei einer Leidenschaft, die der blindesten Ergebenheit den Egoismus beimischt. Die Liebe hat ihren Instinkt, sie weiß den Weg zum Herzen zu finden, wie das schwächste Insekt auf seine Blume zugeht, mit einem unwiderstehlichen Willen, der vor nichts zurückschreckt. Wenn ein Gefühl wahr ist, so ist daher auch sein Schicksal nicht zweifelhaft. Muß nicht eine Frau in größte Angst versetzt werden, wenn sich der Gedanke bei ihr einstellt, daß ihr Leben davon abhängt, ob ihr Geliebter mehr oder weniger Wahrheit, Kraft und Ausdauer in seiner Liebe beweisen wird?
Einer Frau, einer Gattin und Mutter ist es nun unmöglich, sich gegen die Liebe eines jungen Mannes zu schützen; das einzige Mittel, das in ihrer Macht steht, ist, ihn von dem Augenblick an, wo sie dieses Geheimnis des Herzens errät – und das errät eine Frau immer – nicht mehr zu empfangen. Allein dieser Entschluß scheint zu entscheidend zu sein, als daß eine Frau ihn noch in einem Alter fassen könnte, wo die Ehe sie bedrückt, langweilt oder gleichgültig macht, wo die eheliche Liebe nur noch lau ist und der Mann ihr am Ende gar schon untreu geworden ist. Sind die Frauen häßlich, so schmeichelt ihnen eine Leidenschaft, die sie auf eine Stufe mit den schönen stellt; sind sie jung und reizend, so muß die Verführung auf sie
im selben Grade wirken, wie sie selbst verführerisch sind, nämlich sehr stark; sind sie tugendhaft, so ist das Gefühl ja doch himmlisch, obzwar von dieser Welt, und das läßt sie gerade in der Größe der Opfer, die sie ihrem Geliebten bringen, und in dem Ruhm eines so schweren Kampfes allein schon eine gewisse Absolution erblicken. Alles ist ein Fallstrick. Daher ist auch keine Lehre stark genug, gegen diese starke Verführung etwas zu vermögen. Die Abschließung, die ehemals in Griechenland und im Orient für die Frau Gesetz war und die in England jetzt Mode wird, ist der einzige Schutz für die häßliche Moral; aber unter der Herrschaft dieses Systems gehen alle Annehmlichkeiten der Welt zugrunde. Die Geselligkeit, die Feinheit und Vornehmheit der Sitten sind nicht mehr möglich. Die Nationen werden ihre Wahl zu treffen haben.
So fand denn einige Monate nach ihrem ersten Zusammentreffen mit Vandenesse Frau d'Aiglemont ihr Leben eng mit dem des jungen Mannes verschlungen; sie wunderte sich darüber, ohne sonderlich betroffen zu sein, ja sie fand fast ein gewisses Vergnügen daran, seine Geschmäcker und Gedanken zu teilen. Hatte sie die Denkweise de Vandenesses angenommen, oder hatte Vandenesse sich ihre kleinsten Launen angeeignet? Sie stellte keine Untersuchung an. Schon von dem Strom seiner Leidenschaft mit fortgerissen, sagte sich diese bewundernswerte Frau in der trügerischen Zuversicht der Furcht:
»O nein! Ich werde dem die Treue bewahren, der für mich gestorben ist.«