Pascal hat gesagt: »An Gott zweifeln, heißt schon an ihn glauben.« Ebenso sträubt sich eine Frau gar nicht – oder sie ist eben schon verliebt. An dem Tage, wo die Marquise sich eingestand, sie werde geliebt, war es mit ihr
auch schon soweit, daß sie zwischen tausend widersprechenden Gefühlen hin und her trieb. Der Aberglaube der Erfahrung redete seine Sprache. Würde sie glücklich sein? Könnte sie das Glück finden außerhalb der Gesetze, die die Gesellschaft, ob zu Recht oder zu Unrecht, als ihre Moral aufgestellt hat? Bisher hatte das Leben nur Bitterkeit über sie ausgeschüttet. Konnte es denn zwischen zwei Wesen, die durch die gesellschaftlichen Anstandsregeln voneinander getrennt waren, innerhalb der Grenzen, in denen ihr Verhältnis bleiben müßte, zu einem Glücke kommen? Doch wiederum, wird das Glück jemals zu teuer bezahlt? Und dann ist das Glück, das so heiß ersehnt wird, das zu suchen so natürlich ist, vielleicht hier endlich einmal gefunden?
Ein seltsames Zusammentreffen findet sich immer ein, die Sache der Liebenden zu fördern. Während sie diese geheimen Betrachtungen anstellte, kam Vandenesse. Seine Gegenwart verscheuchte das metaphysische Phantom der Vernünftelei. Solcher Art sind die Wandlungen, die bei einem jungen Manne und einer jungen Frau von dreißig Jahren selbst eine rasche, stürmische Liebe durchmachen muß, aber es kommt immer zu einem Augenblick, wo die Wolken verschwinden, wo die Vernunftgründe zu einem einzigen, letzten Gedanken zusammenschrumpfen, der sich mit einer Begierde vermischt und ihr Nachdruck verleiht.
Je länger der Widerstand gewesen ist, um so mächtiger ist dann die Stimme der Liebe. Hier also endet diese Betrachtung oder vielmehr – wenn es erlaubt ist, der Malkunst einen ihrer pittoresken Ausdrücke zu entlehnen – diese »am bloßgelegten Muskel« gemachte Studie. (Denn diese Geschichte legt mehr die Gefahren
und den Mechanismus der Liebe auseinander, als daß sie sie darstellt.) Aber von diesem Augenblick an verlieh jeder Tag diesem Skelett neue Farben, bekleidete es mit der Anmut der Jugend, gab daran dem Fleisch und den Bewegungen Leben und flößte ihm den Glanz, die Schönheit des Empfindens und die Reize des Lebens ein.
Karl fand Frau d'Aiglemont nachdenklich, und fragte sie in bebendem Tone, dem die süße Magie des Herzens besondere Eindringlichkeit verlieh: »Was ist Ihnen denn?« – Doch sie hütete sich, zu antworten. Diese köstliche Frage verriet eine vollkommene Übereinstimmung der Seelen; und in dem wunderbaren Instinkt des Weibes begriff die Marquise, daß sie in gewissem Sinne ein Entgegenkommen zeigen würde, wenn sie jetzt Klagen anstimmte oder ihrem Unglück Ausdruck verlieh. Und wenn schon jedes dieser Worte eine von allen beiden verstandene Bedeutung hatte, stand sie da nicht schon mit einem Fuß im Abgrund? Sie las mit scharfem, klarem Blick in ihrem Innern und schwieg, Vandenesse folgte ihrem Beispiel und schwieg auch.
»Ich bin leidend,« sagte sie endlich, voll Schrecken über die hohe Bedeutung eines Augenblicks, wo die Sprache der Augen vollständig die Rede ersetzte, zu der beide nicht fähig waren.
»Gnädige Frau,« antwortete Karl in liebenswürdigem Tone, dem man aber trotzdem seine heftige Erregung anhörte, »Seele und Leib, alles hängt zusammen. Wenn Sie glücklich wären, würden sie jung und frisch sein. Warum weigern Sie sich, von der Liebe alles das zurückzuverlangen, dessen die Liebe Sie beraubt hat? Sie glauben, das Leben sei mit dem Augenblick zu Ende, wo es, für
Sie, erst anfängt. Vertrauen Sie sich der Pflege eines Freundes an. Es ist so süß, geliebt zu sein.«
»Ich bin schon alt,« sagte sie, »nichts würde mich also entschuldigen, wollte ich aufhören zu leiden, wie bisher. Übrigens, lieben müsse man, sagen Sie? Nun wohl, das darf ich nicht und kann ich auch nicht. Außer Ihnen, dessen Freundschaft ein wenig Freude in mein Dasein bringt, gefällt mir kein Mensch, wäre kein Mensch imstande, meine Erinnerungen auszulöschen. Einen Freund nehme ich an, einen Verehrer würde ich fliehen. Und wäre es auch edel von mir, ein welkes Herz gegen ein junges einzutauschen, Illusionen anzunehmen, die ich nicht mehr teilen kann, ein Glück entstehen zu lassen, an das ich nicht glauben oder um dessen Verlust ich beständig zittern würde? Ich würde auf Ergebenheit vielleicht mit Egoismus antworten, ich würde berechnen, wo der andere fühlt; meine Erinnerungen würden beständig der Lebendigkeit seiner Freude im Wege sein. Nein, sehen Sie, für eine erste Liebe gibt es niemals Ersatz. Und schließlich, welcher Mann würde zu solchem Preise mein Herz haben wollen?«