Sie neigten sich vor und sahen auf eine jener majestätischen
Landschaften voller Schnee, Gletscher und grauen Schatten, die die Flanken phantastischer Berge färben – eines jener Gemälde mit schroffen Gegensätzen zwischen den roten und schwarzen Tönen, die den Himmel mit einer unnachahmlichen Poesie von kurzer Dauer schmücken, mit prächtigen Streifen, in denen die Sonne noch einmal auflebt – ein schönes Leichentuch, in das sie sich sterbend hüllt.
In diesem Augenblick streiften Juliens Haare leicht Vandenesses Wange. Sie fühlte diese kaum merkliche Berührung, sie zitterte heftig, und er noch mehr. Denn alle beide waren allmählich zu einem jener unerklärlichen Höhepunkte gelangt, wo, sofern das Herz bereits der Melancholie überliefert oder aber in den Strudel der Liebe geraten ist, die Stille ringsum den Sinnen ein so feines Tastgefühl verleiht, daß der schwächste Anstoß Tränen hervorruft oder die Schwermut entfesselt.
Julie drückte fast unwillkürlich die Hand ihres Freundes. Dieser vielsagende Druck flößte dem zaghaften Liebhaber Mut ein. Die Freuden dieses Augenblicks und die Hoffnungen auf die Zukunft, alles floß in eine Regung zusammen – in die der ersten Liebkosung, des keuschen, bescheidenen Kusses, den Frau d'Aiglemont der Wange rauben ließ. So gering die Gunst war, um so mächtiger, um so gefährlicher wurde sie. Zu ihrem Unglück war dabei kein Schein und keine Falschheit im Spiele. Es war ein Austausch zweier schönen Seelen, die durch das sogenannte Gesetz getrennt waren und durch alles, was die Natur an Verführerischem besitzt, vereint wurden.
In diesem Augenblick trat General d'Aiglemont ein.
»Wir haben ein anderes Ministerium bekommen,« sagte er. »Ihr Oheim gehört zum neuen Kabinett. Sie
haben also gute Aussicht, Gesandter zu werden, Vandenesse.«
Karl und Julie sahen sich errötend an. Dieses gegenseitige Schamgefühl war nur ein neues Band. Beide hatten den gleichen Gedanken – die gleichen Gewissensbisse: ein furchtbares Band zwischen zwei Liebenden, die eines Kusses schuldig sind, ganz ebenso stark wie zwischen zwei Räubern, die gemeinsam einen Menschen umgebracht haben. Doch der Marquis mußte eine Antwort haben.
»Ich will nicht mehr aus Paris fort,« sagte Karl de Vandenesse.
»Wir wissen, weshalb,« versetzte der General und tat ganz besonders schlau, wie jemand, der ein großes Geheimnis entdeckt. »Sie wollen nicht von Ihrem Onkel lassen – er soll Sie zum Erben seiner Pairswürde ernennen.«